Anatolien – Durchs wilde Kurdistan 2008

Gastbeitrag von Peter Rettau.

Peter Rettau ist der Seniorchef von Perestroika Tours. Seit 2007 ist er im Ruhestand, fungiert aber noch 1-2 Mal im Jahr als Reiseleiter.

Mitte 2006 begann die Planung für eine Pilotreise von 45 Tagen nach Kleinasien mit Aufenthalt in Georgien und Ostanatolien. Anfang August 2008 ging es los, die Anreise wie geplant auf dem Autoput über Graz (A), Zagreb (HR), Belgrad (SER), Sofia (BUL) nach Edirne in der Westtürkei.

Stellplatz in Istanbul
Stellplatz in Istanbul

Am 15.08.08 war es endlich soweit: 25 Teilnehmer mit 13 Reisemobilen traten am Goldenen Horn von Istanbul die Reise an, die aktuell unter einem schlechten Stern zu stehen schien.

Mitte Juni 2008 wurden am Berg Ararat 3 deutsche Bergsteiger von der PKK entführt und nach zehn Tagen wieder freigelassen, was das deutsche Auswärtigen Amt veranlasste, eine Reisewarnung für fünf kurdische Provinzen zu verhängen. Noch mehr aber beschäftigte uns der Ausnahmezustand in der georgischen Provinz Südossetien und dem Kernland um Tiflis. Seit vier Tagen herrschte in Geogien Krieg und russische Truppen waren im Land. Der georgische Partner hielt uns auf dem Laufenden, machte uns Hoffnung, dass in paar Tagen alles vorbei wäre. Hotbird übermittelte die Realität in unsere Reisemobile: Russische Panzer um Tiflis in Gori und Luftangriffe auf den Hafen von Poti, dazu eine Autoschlange von 6000 Fahrzeugen an der türkischen Grenze. Georgien war raus aus unserem Reiseplan!

Wir fuhren wie geplant in Istanbul auf der Autobahnbrücke über den Bosporus nach Kleinasien entlang der pittoresken Schwarzmeerküste. Tagelang rauf und runter durch schwach besiedelte Gebiete, endlose Tee- und Haselnussplantagen an den parallel zur See verlaufenden Hängen des bis zu 4000 m aufsteigenden Pontus-Gebirges. Kleine, von Weitem nur durch ein Minarett erkennbare Fischerdörfer, immer unten in einer Bucht mit freundlich winkenden Menschen und anschließend geht es immer wieder hinauf auf der schmalen Panoramastraße.

Entlang der Schwarzmeerküste
Entlang der Schwarzmeerküste

Eine phantastische und noch touristenarme Küstenlandschaft mit kleinen weißen Badestränden und felsigen Klippen. Ab Samsun geht die Küstenstraße in eine breite, meist vierspurige flache Fahrbahn über. Beim Besuch der drei größten türk. Schwarzmeer- Hafenstädte Sinop, Samsun und Trabzon stand natürlich die kulturelle alte und junge Landes- geschichte im Vordergrund des Besichtigungsprogramms.

Am 13. Tag verließen wir bei Hopa, 20 km vor der georgischen Grenze, die Schwarzmeerküste, um 3000 m hoch im Pontus Gebirge unsern Übernachtungsplatz in Yusefeli zu erreichen. Von jetzt an ging es wieder bergauf und bergab durch eine Seenlandschaft, durch Schluchten an gigantischen Staumauern vorbei und auf Serpentinenstraßen bis auf 3000 m hinauf. Durch den Bau neuer Wasserkraftwerke werden die Flüsse gestaut und der steigende Wasserpegel führt dazu, dass neue Straßen in die Felsen gesprengt werden, was uns heute zwei Stunden Wartezeit einbrachte. Gegen Abend gab es nach 3 Wochen den erste Regen! Ein Gewitter verdunkelte den Himmel, machte den Tag zur Nacht, Sturzbäche sprangen von den Felswänden über die Straßen. Eine Mure versperrte den Weg. Nach einer Stunde hatte der von uns angeforderte Radlader Geröll und Steine beseitigt. Wir erreichten unsern Stellplatz, auf dem die Wassermassen Strom- und Wasserleitungen weggerissen hatten. Das Gewitter zog ab und wir machten aus dem Abend das Beste.

Am nächsten Morgen ging es mit guter Laune bei strahlendem Sonnenschein durch zerklüftete Schluchten mit angeschwollenen, reißenden, braunen Bächen und Flüssen weiter nach Osten. Bald gingen die Schluchten in grüne Almen in des Allahhüekber-Hochplateau über, das mit über 2000 m Höhe für angenehme 25° C sorgte. Kilometerlange gerade Straßen in der fruchtbaren leicht welligen Landschaft, die ohne Baum und Strauch ausschließlich durch Ackerbau und Viehzucht genutzt wird. Auf einem weit überschaubaren Pass wurde die kurdische Provinz Kars an einem Militärposten erreicht. Aus Sicherheitsgründen fuhren die Teilnehmer der Gruppe ab jetzt für die nächsten Tage durch die Provinzen mit der bestehenden Reisewarnung gemeinsam. Nach einem herzlichen Empfang auf dem Stellplatz in Kars nutzten wir den Nachmittag zu einem Spaziergang auf die alte Zitadelle mit einem Panoramablick über die gesamte Stadt und die nähere Umgebung. Da wir hier die einzigen Touristen waren, wurden wir bei unserm Bummel durch die Altstadt immer wieder von den einheimischen Kurden angesprochen, willkommen geheißen und zum Tee eingeladen.

Gastfreundschaft in Kurdistan
Gastfreundschaft in Kurdistan

An den vielen Marktständen mit großer Auswahl besonders an Obst und Gemüse frischten wir unseren Proviantbestand auf.

Am Abend beim obligatorischen Tee verhandelte ich vor Ort mit unserm Partner und dem Chef der Antiterrorgruppe über die Bereitstellung eines Begleitfahrzeugs. Man verwies überall und immer wieder darauf, dass es am Tage auf den Hauptverbindungsstraßen keine Probleme mit der PKK gäbe! Aber da bestand ja immer noch die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes und aus meiner Verantwortung für die Gruppe wollte ich die nicht alleine durchs die ausschließlich von Kurden spärlich bewohnten Gebiete fahren lassen, zumal die heutige Tagesetappe nach Dogubayazit am Fuße des Ararats führte. In der Gruppe wurde diskutiert, ob uns in einem Entführungsfall die Bundesrepublik trotz Reisewarnung auslöst oder nicht. Frau Willemina von Wagen 13 beendete die Diskussion mit den Worten:“Ich fahre nach Ostanatolien und will von keinem ausgelöst werden, das weiß auch meine Familie zu Hause“.

Morgens verließen wir in Begleitung eines Zivilfahrzeugs mit bewaffneten Beamten des türkischen Geheimdienstes Kars. Nach 50 km wurde unsere Gruppe an eine Militäreskorte bestehend aus zwei Mannschaftswagen mit je acht mit FN Gewehren bewaffneten Soldaten übergeben. Bei Pausen oder Tankstops sprangen die Soldaten von ihren Fahrzeugen, schwärmten aus, sperrten die Straße und die Tankstelle für andere Autos und sicherten so unseren kleinen Konvoi, was wir natürlich für total übertrieben hielten. Sie meinten es gut und wir dankten es ihnen mit kalten Getränken und Zigaretten. Die Etappe führte auch heute über die ostanatolische Hochebene, durch farbenprächtigen, kegelförmiger Gebirgsketten, kleine aus Lehmhütten bestehenden Ansiedlungen mit spärlichen grünen Pappelhainen und tief ausgewaschene schroffe Täler. Parallel in Sichtweite zur armenischen Grenze tauchte in der Ferne im Dunst der Mittagshitze der unverkennbare, schneebedeckte, 5137 m hohe Gipfel des Ararats auf. Die Begleitung wechselte noch einige Male an kleinen kasernenähnlichen Militärposten, ehe wir alle unbeschadet auf unserem Stellplatz 30 km vor der iranischen Grenze mit Blick auf den höchsten Berg der Türkei ankamen.

Der erste Blick auf den Ararat
Der erste Blick auf den Ararat

In Dogubayazit besuchte ich den Polizeipräsidenten, der gerade vom Freitagsgebet kam, um für Sonntag ein Begleitfahrzeug zur Weiterreise an den Van-See zu ordern. Wir tranken Tee und versuchen den Gouverneur in der kurdischen Hauptstadt Erzurum zu erreichen, denn nur er konnte eine Eskorte genehmigen. Es war das letzte Wochenende vor dem Ramadan und niemand mehr zu erreichen. Unter dem Motto „Abwarten und Tee trinken“ vertröstete man mich auf Sonntagmorgen.
Unser Besichtigungsprogramm führte in zwei klapprigen, abenteuerlichen Dolmus’ (türkische Kleinbussen) zum Landeplatz der Arche Noah, zu einem 120 Jahre „jungen“ Meteoritenkrater unmittelbar an der iranischen Grenze im Schatten des fast 4000 m hohen kleinen Ararat. Das kulturelle Highlight in Ostanatolien aber ist zweifellos der pittoreske mittelalterliche Ishak Pasha Sarayi mit Blick auf Dogubayazit und die Ausläufer des Ararat. Die 15.000 Einwohner zählende Stadt selbst hat nicht viel zu bieten, ist aber durch ihre geografische Lage seit altersher einer der wichtigsten Umschlagplätze auf der Seidenstraße im Handel mit dem Iran und Asien. Während unserer Tagesprogramme und Ausflüge fielen uns immer wieder die gleichen Gesichter von zwei Männern auf, die sehr wahrscheinlich ohne unser Wissen auf uns aufpassten.

Sonntagmorgen: Über dem Iran ging die Sonne auf. Die ersten Strahlen tauchten das Felsmassiv, das hinter unserm Stellplatz einige 100 Meter steil anstieg, in ein warmes ockerfarbiges gelbbraun. Es war kühler als sonst, um 6.00 Uhr morgens auf 1700 m Höhe nur 19° C, und die Sicht auf den Ararat, der ganz selten ohne Wolken oder Dunstglocke zu sehen ist, war ausgezeichnet. Bestes Film- und Fotowetter, das von allen zu individuellen oder Gruppenaufnahmen genutzt wurde, denn man wollte ja zu Hause zeigen, dass wir paar Tage, trotz „der gefährlichen PKK“ am Ararat verbracht haben.

Ararat
Am Ararat

Um 8.30 Uhr stand die Gruppe startklar, um wie geplant zum Van See aufzubrechen, nur fehlte unser Begleitfahrzeug. Mit dem Partner vor Ort telefonierte ich mit dem Polizeipräsidenten, mit der Antiterrorgruppe und mit dem Büro des Gouverneurs und wir tranken Tee. Die Teilnehmer suchten in der Zwischenzeit einen geeigneten Platz für ein Gruppenfoto mit allen 13 Fahrzeugen.

Um 9.30 Uhr starteten wir in Beleitung eines PKWs mit bewaffneten Zivilisten, die nach ca. 3 km an einer Kaserne Verstärkung durch drei Militärunimogs mit bewaffneten Soldaten erhielten. Diese sollten einen angeblich besonders gefährdeten Straßenabschnitt hinter dem Ortsausgang und im Vulkangebiet einen Steinwurf von der iranischen Grenze entfernt sichern. Ab hier lautete die Order, dass unsere Gruppe in einem bestimmten Zeitlimit fahren müsse und minutengenau die Militärposten, die wir alle paar Kilometer an der Straße passierten, pünktlich anzulaufen. Bei Überschreitung der Zeitvorgabe würden sofort ein Suchkommando auf unseren Weg geschickt. An den Lavafeldern auf dem Tendürek Pass machten wir gerade 10 Minuten Frühstückspause, als uns per Handy der Befehl erreichte, unverzüglich den Pass zu verlassen und uns im Tal beim diensthabenden Offizier zu melden. Der Major betrat mein Reisemobil, bat um Pünktlichkeit auf den Etappen, während zwei Unteroffiziere die Reisepässe der Teilnehmer kontrollierten.

Die Straßenbeschaffenheiten waren für die, die wie wir viel durch die Länder der ehemaligen Sowjetunion gefahren ist, bisher überraschend gut. Auffallend, besonders in der Osttürkei, waren die für uns unverhältnismäßig vielen Straßenneubauarbeiten.

Die Reisemobil-Kolonne in der Baustelle
Die Reisemobil-Kolonne in der Baustelle

Straßenarbeiter mit roten Fähnchen ließen den ohnehin spärlichen Verkehr unbehindert fließen. Zum Stillstand kam es nur, wenn eine Sprengung durchgeführt wurde, oder durch große Kettenbagger, die oberhalb auf einem Felsvorsprung arbeiteten, Brocken auf die Straße rollten. Überwiegend führte unsere heutige Marschroute über einige Pässe, das Caldiran Hochplateau, vorbei an langen erkalteten Lavafeldern und den vielen über 3000 m hohe Vulkanbergen, an deren Gipfel kleinen, festhängende Schönwetterwölkchen einen dampfenden aktiven Schlot vortäuschten. Wie aus dem Nichts lag plötzlich die türkisfarbene Wasserfläche des Van Sees vor uns. Es schien als wäre die Straße tiefer als der See, weil man ihn auf dieser Höhe nicht erwartet hatte. Die malerische Straße führte am südlichen Seeufer entlang, durch Kur- und Badeorte, wo auffallend viele türkische Touristen unterwegs waren, denn ab Morgen beginnt für den ganzen September der Ramadan. Einige km hinter der Provinzhauptstadt Van erreichten wir unseren Stellplatz direkt am Strand.

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Blick auf den Vansee

Der Van-See lud drei Tage zum relaxen ein und alles passte! Bei Tagestemperaturen von 38 ° C im Schatten hatte der See 27° C und wir hatten den Strand für uns alleine, denn ab dem Ramadan sah man tags kaum noch Touristen, Frauen schon gar nicht. Am 2. Tag fuhr unsere Gruppe ganz alleine für drei Stunden mit einem Ausflugsdampfer zur von Legenden umwobenen Klosterinsel Akdamar, um die von der UNESCO neu rekonstruierte 1000 Jahre alte armenische Klosterkirche zu besuchen. „Eine Seefahrt – die ist lustig,“… schön und interessant war es außerdem auf diesem exotischen Gewässer zu fahren. Der Van-See liegt auf 1700 m Höhe, eingebettet von 3000- bis über 4000 m hohen Gebirgszügen, 30 km vor der iranischen Grenze. Er ist achtmal so groß wie der Bodensee und so salzig und sodahaltig, dass nur unmittelbar an Zuflüssen kleine Fische exstieren können, selbst ein Nichtschwimmer ist hier kaum unter Wasser zu bekommen. Aber da gab es noch die besonders von Touristen gefürchteten gelben Wasserschlangen, die bei Sonnenaufgang von ihren nächtlichen Raubzügen die Verstecke unter den Steinen am Badesteg aufsuchten. Unsere Teilnehmer entpuppten sich zu einer Gruppe Paparazzis, die auf dem kleinen Steg kniend, hockend und liegend Schlangen fotografierten und filmten, die im seichten glasklaren Wasser ohne Scheu schlängelnd in ihren Schlupflöchern verschwanden. Einige fast zwei Meter lange Exemplare erregten die Gemüter, was dazu führte, dass keiner mehr schwimmen wollte. Auf Anfrage nach der Gefährlichkeit der Reptile sagte der Direktor der Anlage: „Schlange nix bissen, wenn bissen nix slimm“. Als es am Mittag 38° C waren und noch keiner im Wasser war, zog ich meine Schuhe an und sprang vom Steg. Nach ein paar Minuten waren auch fast alle Anderen im Wasser.

So verließen wir nach 8 Tagen die kurdischen Provinzen, in denen die Reisewarnung für deutsche Touristen bestand. Unser heutiges Ziel war das 110 km entfernte Tatvan am Westzipfel des Van-Sees. Mal am Ufer des Sees, mal über die Berge, durch staubige Baustellen und Militärkontrollen erreichten wir auf einer malerischen Straße gegen Mittag unsern Stellplatz in der 90.000 Einwohner zählenden und zu 95% von Kurden bewohnten Stadt. Nach zwei Stunden Pause fuhren wir mit zwei nagelneuen Kleinbussen zum 10 km entfernten Nemrut Dagi Kraterrand hinauf, der auf über 3000 m Höhe liegt und einen Umfang von 48 km hat. Über eine schmale Piste fuhren wir hinunter zu den Kraterseen, vorbei an Erdlöchern, aus denen heiße schwefelhaltige Luft strömte. Im kleinen grünen See badete eine Familie in der bis zu 60°C warmen aufsteigenden Mineralquelle, die Rheuma und Gicht lindern sollen. Der große blaue Kratersee (Nemrut Gülü) ist 8 km lang, 155 m tief und bis heute touristisch nicht erschlossen, so gibt es nichts außer einem Wanderweg zwischen den beiden Seen und einem mit Plastikplanen bespannten Unterstand, an dem man Tee und ungekühlte Getränke erstehen kann. Und trotzdem bietet dieser Platz, 400 m unterhalb des Kraterrandes solch eine phantastische Kulisse, dass ich bei der nächsten Reise mit der Gruppe dort nach einem rustikalen Barbeque in unseren Reisemobilen übernachten werde.

Wir hatten eine unruhige Nacht. Währed des Tages ist im Ramadan alles ruhig, aber nachts wird zusammen gegessen und lange zusammengessen, was immer recht laut ist.
Auf der landschaftlich ausgesprochen schönen alten Karawanenstraße, die durch weite Ebenen, über Hügelketten am Rande des Taurusgebirges durchs Zweistromland, das Quellgebiet von Euphrat und Tigris verläuft, findet man fast alle 35 km eine mehr oder weniger gut erhaltene Karawanserei. Diese wurden früher für die Karawanen im Abstand einer Tagesetappe errichtet und dienten den Händlern mit ihren Tieren als sichere Unterkunft. In den Dörfern und Städtchen an dieser Straße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, wer mit etwas Phantasie den Autoverkehr und die Sattelitenschüsseln wegdenkt, fühlt sich wie im Mittelalter. Die Luft flimmert bei 40° C im Schatten, wir haben Glück und stehen schon am frühen Nachmittag vor Diyarbakir auf einen Stellplatz in einem Aqua-Park mit einem großen, traumhaften Schwimmbad. Wir gingen uns einige Male im feuchten Element abkühlen, bevor wir auf der Terrasse am Schwimmbecken beim Abendessen den Tag ausklingen ließen.

Am Morgen um 7.00 Uhr waren es schon 30° C, deshalb verlegte ich die Abfahrt auf 10.00 Uhr, damit noch jeder die Möglichkeit hatte eine Runde zu schwimmen, bevor wir in der Hitze zur Besichtigung der Altstadt von Diyarbakir aufbrachen. Da es für eine Gruppe mit 13 Reisemobilen in der Altstadt kein Platz gab, stellten wir unsere Fahrzeuge an einem Supermarkt ab und erreichten mit dem öffentlichen Bus nach 30 min. das Ziel. Die gigantischen alten Festungsmauern am Eingang zur Altstadt zeugen davon, dass Diyarbakir schon vor langer Zeit die größte und wichtigste Stadt Ostanatoliens war. Auf dem großen Obst- und Gemüsebasar konnte man sich mit süßen Trauben, Datteln, frischen Tomaten und Feigen eindecken, oder man trank in der alten Karawanserei einen türkischen Mocca und sah den Männern in den Teegärten beim Tavlaspielen zu. Nicht nur das gefürchtete Gefängnis der Türkei, sondern die Zeit riet zur Abfahrt nach einem lohnenswerten Abstecher durch das alte exotische Zentrum. Gegen Mittag fuhren wir zügig weiter, da unser Tagesziel der 150 km entfernte Götterberg Nemrut Dag in der Provinz Adiyaman war und wir wussten, dass wir noch mit einer uns unbekannten Fähre übersetzen mussten. Die flimmernde Straße führte kilometerweit durch Steppenlandschaft, in der sich kleine Wirbelwinde in Form von Staubsäulen in den Himmel schraubten. Wir fuhren in eine Schlucht hinunter und dann sahen wir ihn, den türkisfarbigen Euphrat, der durch den Atatürkstaudamm auf über 100 km zu einem mächtigen See aufgestaut wurde.

Fähre am Atatürk-Staudamm
Fähre am Atatürk-Staudamm

Die Straße endete an einer Anlegestelle mit einigen Hütten, in deren Schatten ein paar Autos standen. Dann kam auch die Fähre hinter einem Felsvorsprung in Sicht. Sie kann auf der 30 min. Überfahrt 12 PKWs befordern. Alle Fahrzeuge müssen rückwärts rauffahren und werden so dicht eingewiesen, dass einige ihre Fahrzeuge nicht verlassen konnten, da man die Türen nicht auf bekam. Es gab ein wenig Aufregung, weil sich ein paar Einheimische vordrängen wollten. Nach dem wir die Zufahrt mit unseren Mobilen dicht gemacht hatten, waren alle Teilnehmer mit zwei Fahrten am anderen Ufer. Nach weiteren 30 km bogen wir auf eine Piste ab in die Berge und erreichten durch eine Felsschlucht den nicht endenden gepflasterten Weg, der teilweise mit über 20% Steigung zu unserm Stellplatz Motel Euphrat im Nemrutdag National Park auf 1500 m führte. Zur abendlichen Besprechung trafen wir uns auf der Panoramaterrasse bei einem kühlen Efes-Bier und genossen den frischen Wind der von den Bergen blies.

Die Fahrt zur Göttergrabstätte auf dem Berg Nemrut Dag in 2150 m Höhe war der absolute Höhepunkt unseres Tagesprogramms. Vor dem mit Schottersteinen auf 50 m hoch bedeckten Grabmal des Antiochus Theos stehen auf den Terrassen Dutzende mannshohe Köpfe griechischer und persischer Götter, die in den letzten 2000 Jahren durch Erdbeben und Erosion von ihren 10 m langen Rümpfen getrennt wurden. Das in Stein gemeißelte älteste Horoskop der Welt, die vielen Reliefs und Säulen mit Gottheiten und Tierfiguren sind Zeugen der Vereinigung von Orient und Okzident der kommaganischen Kultur. Der Berg Nemrut spielte in Mesopotamien, in der Wiege der Zivilisation, eine entscheidende Rolle. Um die unendlichen vielen kulturellen Hinterlassenschaften in Ost- und Zentralanatolien touristisch und ökologisch zu erschließen fehlt es nicht nur der türkischen Regierung, sondern weltweit an finanziellen Mitteln.

Wir verlassen bei Adiyaman das Taurusgebirge und somit das „Wilde Kurdistan“ auf dem Weg nach Urfa. In südlicher Richtung parallel zum Atatürk-Stausee erreichen wir die riesige Turbinenstaumauer, die vom Militär gegen eventuelle Anschläge geschützt wird und für Touristen nicht zugänglich ist. In einem Teegarten vor dem Militärposten konnte man sich dennoch ein Bild vom der gigantischen Größe des Stausees machen. Auf unserm Stellplatz bei Urfa, in einem schattigen Kiefernwald gab es am Abend bei Folkloremusik leckeres gut gewürztes türkisches Schaschlik vom Huhn, Hammel und Rind.

Das ruhmreiche Urfa liegt knapp 50 km vor der syrischen Grenze, ist eine pulsierende, bunte und auffallend saubere Stadt mit arabischem Flair und einer großen historischen Vergangenheit. Abraham, der als Stammvater von Christen und Muslimen gleichermaßen verehrt wird, soll hier von Gott vor dem Tode auf dem Scheiterhaufen gerettet worden sein. In den nach Abraham benannten Birket-Ibrahim-Teichanlagen unterhalb der Burgruine wimmeln Karpfen, die laut Legende Nachfahren vom Wunder Gottes sein sollen. Bezeugen können dies sicherlich die uralten Palmen und Platanen, die vor der Halil-Rahman-Moschee Schatten für die Besucher des Teegartens spenden. Zwischen dem belebten großen überdachten Basar mit Gold- und Kupferschmieden, duftenden Gewürzen und Scharen von verschleierten Musliminnen wähnt man sich als Gast des Teegartens in einer kühlen, ruhigen Oase. Das moderne Urfa erlebte in den letzten zehn Jahren seit der ausreichenden Bewässerung durch den nahegelegenen Atatürk-Stausee einen enormen ökologischen Aufschwung und Bevölkerungszuwachs.

Nach 14 Tagen verlassen wir heute bei Akcakale mit Ausreise nach Syrien das Land der Kurden im Südosten der Türkei (Anatoliens). Wir haben viele Menschen getroffen, auf dem Lande und in den Städten, arme und weniger arme, aus primitiven Behausungen und modernen Eigentumswohnungen und alle waren nett und gastfreundlich zu uns. Die phantastischen, abwechslungsreichen kurdischen Landschaften vom Ararat über den Van See zum Euphrat, die Jahrtausende alte Kultur, besonders in Mesopotamien, haben uns bestätigt, dass die Reise „Durchs wilde Kurdistan“ für jeden Reisemobilisten eine Traumreise werden kann und wärmstens zu empfehlen ist, da auch die Straßen für unsere Fahrzeuge durchaus geeignet sind. Ob Natur- oder Kulturfreund -auf dieser Tour gibt es für alle viel zu entdecken, ein Land und seine Bevölkerung ohne Vorbehalte zu erleben und kennen zu lernen.

Überholmanöver
Überholmanöver

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