Archangelsk – am Weissen Meer

Gastbeitrag von Karl-Heinz und Birgit Wendt: Archangelsk – Eine Erkundungstour für Perestroika-Tours zum Weißen Meer

Kann eine Gruppe mit eigenen Reisemobilen in den hohen Norden Russlands fahren? Ist die geplante Route befahrbar für normale, handelsübliche Fahrzeuge? Wo lassen sich Stellplätze für eine Gruppe finden? Was lohnt eine Besichtigung? Welche Aktivitäten sind möglich? Lohnt sich eine solche Reise für Teilnehmer überhaupt? Das waren die Fragestellungen, mit denen wir im Sommer 2008 auf eine Erkundungstour nach Archangelsk geschickt wurden. Wir, das sind Karl-Heinz und Birgit Wendt und unser Hund Basko. Wir haben in den letzten Jahren bereits etliche Gruppen auf Fernreisen geführt, so nach Ägypten, China, Südamerika, aber auch in die Ukraine und nach St. Petersburg. Als Dolmetscher und Hilfe fuhr Sergej in seinem PKW mit uns, einer der weißrussischen Reisebegleiter von Perestroika-Tours.

Reisemobil auf den Straßen Russlands
Reisemobil auf den Straßen Russlands

Wir waren in Russland! Der Grenzübergang hatte uns einige Nerven und Zeit gekostet, aber die Sonne schien, und das Abenteuer konnte beginnen. Sergej erwartete uns bereits, und wir konnten gemeinsam unsere Aufgabe angehen. Unser erstes Ziel war eine Feriensiedlung am Pskower See, der mit dem riesigen Peipus-See verbunden ist. Unterwegs machten wir eine Pause in Izborsk, wo es nach einer Fahrt durch ein typisch russisches Dorf eine Festung aus dem 13. Jh. mit zwei alten Kirchen zu besichtigen gibt, von der man einen schönen Ausblick weit ins Land hat.

Festung Izborsk
Festung Izborsk

Wir waren ganz schnell tief in Russland eingetaucht. Die Feriensiedlung am See erwies sich als idealer Reisemobilstellplatz, so dass wir unsere Fahrt nach Nowgorod, unserem nächsten Etappenziel, fortsetzen konnten. Unterwegs konnten wir den Kreml von Pskow liegen sehen. Nach einem Abzweig mussten wir dann den ersten wirklich schlechten Straßenabschnitt bewältigen. Als wir zwei Jahre vorher dort gefahren waren, war die Straße noch einigermaßen in Ordnung gewesen. Nun gab es in dem zerbröselnden Asphalt tiefe Schlaglöcher. In sehr langsamer Fahrweise schafften wir den Abschnitt und wurden durch eine ausgezeichnete Neubaustrecke belohnt, die uns nach Nowgorod hinein führte.

Nowgorod, die alte Hansestadt, gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der Kreml mit seinen dicken Mauern und hohen Türmen und der im Jahr 1050 vollendeten Kathedrale hat offenbar auch heute einen festen Platz im Leben der Einwohner von Nowgorod. Zu seinen Füßen findet Strandleben am Wolchow-Fluss statt, man flaniert zum Eis essen durch seine Mauern, Brautpaare lassen sich fotografieren, in einem seiner Türme gibt es ein Feinschmeckerrestaurant. Am gegenüberliegenden Ufer warten zahlreiche alte Kirchen und Kapellen auf Besucher und bieten Fotografen wunderbare Fotomotive.

Bei Ladoga
Bei Ladoga

Staraya (Alt-) Ladoga, ein hübscher verschlafener Ort an einer Biegung des Wolchow-Flusses, war möglicherweise die älteste Siedlung des alten Russland. Hier hat Rurik, der Wikingerfürst, 862 die erste hölzerne Festung erbaut, und von hier aus Russland erobert und beherrscht. Heute ist man dabei, Siedlungsspuren aus dieser Zeit neben einer steinernen Festung auszugraben. Eine Kirche aus dem 12. Jh. mit beeindruckenden byzantinischen Fresken ließ uns erkennen, wie weltläufig neben dem Handel auch die kulturellen Beziehungen im Mittelalter gewesen sind. Ein Wohnmobilstellplatz neben einem Hotel war auch hier schnell gefunden. Da wir allerdings von einem wunderbaren Stellplatz am Ladogasee träumten, fuhren wir weiter zum am See gelegenen Novaja (Neu) Ladoga, wo wir aber nur feststellen konnten, dass man hier überhaupt nicht zum See kommen kann, da ein breiter Schilfgürtel die ganze Südküste vom Land abtrennt.

Etwas enttäuscht fuhren wir, ohne den See gesehen zu haben, weiter nach Verchnye Mandrogi. Auf dieser Etappe mussten wir zeitweise eine ziemlich zerfahrene Schotterpiste benutzen. Während der langsamen Fahrt trösteten uns die buntblühenden Wegränder und die dichten Wälder der Taiga. Blumen und Blaubeeren pflücken während der Fahrt erlaubt! Verchnye Mandrogi ist ein Museumsdorf, das man aus alten, hierher aus der Umgebung gebrachten und neuen Holzhäusern aufgebaut hat an einer Anlagestelle für die Kreuzfahrtschiffe, die von St. Petersburg nach Moskau fahren. Alles ist sehr schön eingebettet in die Wald- und Flusslandschaft. Nachdem wir dort unsere Aufgaben erledigt hatten, bummelten wir ein wenig durch das Dorf, schauten in Werkstätten Kunsthandwerkern zu und aßen sehr lecker im hübschen Restaurant.

Freilichtmuseum
Freilichtmuseum

Ein Stellplatz bei einer Pension im Wald, ein sehr schöner Stellplatz am Onegasee, die Stellplatzsuche gestaltete sich ziemlich einfach, bis wir nach Kargopol kamen. Das örtliche Hotel verfügt nicht über einen Parkplatz. Also streiften wir durch den Ort auf der Suche nach einem Stellplatz. Ein Schulhof bei einem hübsch bemalten hölzernen Schulgebäude fiel uns ins Auge. Leider konnten wir mit niemandem verhandeln, denn es waren Schulferien und außerdem Wochenende. Aber es gibt ja Mail, Fax und Telefon. Wir sahen uns die Stadt an. Das Zentrum wird gebildet von mehreren Kirchen und einem Glockenturm im Stil der russischen Weißmauer-Baukunst des XVI. Jahrhunderts mit reich verzierten, weiß gekalkten Fassaden. Nachdem wir in den Tagen vorher viel russische Idylle erlebt hatten, holte uns hier die russische Wirklichkeit ein. Es regnete, die Straßen waren schlecht, die wunderbaren Kirchen in Kargopol waren zum Teil in bedauernswertem Zustand, an allen Ecken sahen wir Leute, auch sehr junge, mit Wodkaflaschen. Etwas deprimiert verbrachten wir den Abend in unserem Wohnmobil.

Dorf am Fluss
Dorf am Fluss

Bei Sonnenschein sah am nächsten Tag die Welt schon anders aus. Weiter ging die Fahrt durch die Taiga, durch Dörfer mit buntverzierten Holzhäusern, über breite Flüsse. Umfangreiche Straßenbauarbeiten sogar am Sonntag, bei denen viele deutsche Baumaschinen verwendet werden, machten uns das Leben schwer. Aber nächstes Jahr wird sicher schon manche Straße besser sein. Unsere nächste Aufgabe war, zu erkunden, ob wir in Mirny mit einer Gruppe das Kosmodrom-Museum besichtigen könnten. In Mirny startet inzwischen ein großer Teil aller russischen Weltraumraketen, seit sich die Russen von der Weltraumbasis in Kasachstan unabhängig machen wollen. Wir fuhren also dorthin, wurden aber durch einen Schlagbaum an der Weiterfahrt gehindert. Wir verhandelten mit dem Leutnant der Wache, der noch einen Vorgesetzten holte. Ungewöhnlich freundlich sagte man uns, dass man für die Besichtigung erst drei Monate vorher alle Personalien der Besucher einreichen müsste, was ja sicher machbar ist. Zum Trost verriet man uns, dass mit der nächsten startenden Rakete auch ein deutscher Kosmonaut mitfliegen würde.

Weißmeerarchitektur
Weißmeerarchitektur

Wir erreichten ein wichtiges Ziel unserer Reise, Archangelsk. Wir fanden ohne Probleme einen schönen Stellplatz in einem Touristendorf mit Hotel und Ferienhäusern. Eine Besichtigung von Archangelsk zeigte uns eine Großstadt sowjetischer Prägung mit vielen Betonbauten und einem großen Lenindenkmal auf dem Hauptplatz. Seinen Reiz hat die Stadt aber an der Flusspartie am Ufer der Sewernaja Dwina, wo man schön bummeln und einkehren kann. Man kann die riesigen Holzflöße beobachten, die Stämme aus dem Landesinneren zu Sägewerken bringen. Hier und in der Region von Archangelsk gibt es viele Möglichkeiten für touristische Aktivitäten, wie Schifffahrten auf dem Fluss zum Weißen Meer, Naturerkundungen im Nationalpark, die Besichtigung des Museumsdorfs Malye Korelye. Allerdings mussten wir hier bei der Befragung der örtlichen Polizei und von LKW-Fahrern feststellen, dass wir unsere Route nicht, wie geplant, von Onega nach Karelien würden fortsetzen können. Die Straße südlich des Weißen Meers ist unbefestigt und führt durch ein Sumpf- und Moorgebiet und ist nur bei Frost zu befahren. Also mussten wir unsere Route ändern. Wir waren etwas enttäuscht und beschlossen, auf der M8, der Fernstraße nach Moskau wieder nach Süden zu fahren.

Vorher wollten wir aber noch versuchen, ob wir nicht in Sewerodwinsk, 40 km von Archangelsk entfernt, im Hafen etwas von den atomgetriebenen Unterseebooten sehen könnten. Also fuhren wir in die bis vor kurzem noch für Ausländer gesperrte Stadt und konnten tatsächlich im Hafen eins der großen Ungetüme sehen, die im Wasser liegen wie Wale. Wir machten heimlich ein paar Fotos, nicht sicher, ob das erlaubt ist. Am Weißen Meer verbrachten wir dann auf der vorgelagerten Insel Jagr einen Strandtag. Auf ein Bad verzichteten wir allerdings bei Wassertemperaturen von vielleicht 14 Grad.

Nun ging es also wieder nach Süden. Auf der M8 gab es auch wieder lange Baustellenabschnitte, aber wo die Straße fertig war, kamen wir schnell voran. Mit Zwischenstopps in kleineren Städten, wo wir auch wieder ziemlich problemlos Stellplätze auskundschafteten, gelangten wir nach Wologda. Zunächst besuchten wir das Kloster Spaso-Prilutzky am Wologda-Fluss in einem Vorort gelegen. Wir waren angenehm berührt von der wunderbar ruhigen, friedlichen Stimmung in diesem alten, aber sehr gepflegten Kloster. In der Stadt fanden wir bedeutende Bauwerke, Kirchen, einen Bischofspalast, repräsentative Gebäude aus der Zarenzeit, alles in gutem Zustand, aber auch gepflegte Parkanlagen, eine schöne Fußgängerzone, aber allem viele gut gelaunte junge Leute. Wologda ist eine Universitätsstadt. Wir fanden einen Stellplatz bei einem Jugendfußballclub, dessen dringendes Anliegen, ob wir für die Kinder nicht Fußbälle aus Deutschland mitbringen könnten, wir sicherlich erfüllen können.

Kloster vor Wologda
Kloster vor Wologda

Die letzten Etappen führten auf recht guter Straße wieder zum Ladogasee. Wir wollten Russland nicht verlassen, ohne den größten See Europas gesehen zu haben. Also fuhren wir kurz vor St. Petersburg noch nach Schlisselburg, einem etwas heruntergekommenen Kurort aus der Zarenzeit, mit einer Festungsruine an der Mündung der Newa in den Ladogasee. Dort konnten wir auf den See blicken und fühlten uns wie am Meer. Hoch ummauerte turmgekrönte Villen von „Neuen Russen“ standen dort am Ufer.

Wir erreichten St. Petersburg, das Ziel unserer Rundreise, freuten uns auf einen ausgiebigen Stadtbummel in dieser wunderbaren Stadt, bevor wir wieder aus Russland nach Estland ausreisen würden.

Typischer Freistellplatz
Typischer Freistellplatz

Für uns und Perestroika-Tours zogen wir ein Fazit dieser Reise. Wir hatten viel Schönes und Interessantes gesehen und erlebt. Wir glauben, dass wir ein sehr viel ursprünglicheres Russland kennengelernt haben, als man das in den Metropolen Moskau und St. Petersburg und auch entlang der Transitstrecke durch Sibirien erleben kann. Dies ist eine Reise für Leute, die neugierig sind auf das Leben im ländlichen Russland und auf eine intakte Natur mit weiten Wäldern, großen Seen und ungezähmten Flüssen und die bereit sind, zeitweise auf gewohnte Infrastruktur zu verzichten und stattdessen gelegentlich die Einrichtungen ihres Wohnmobils zu nutzen. Wir sind sicher, eine schöne und abwechslungsreiche Tour ausgearbeitet zu haben.

Sonnenuntergang
Sonnenuntergang

Ein Gedanke zu “Archangelsk – am Weissen Meer

  1. Wir waren mit unserem nagelneuen Carver da. Wir haben die Reise ge-
    nossen, obwohl die Straßen sehr schlecht waren. Aber unser neuer
    Carver hat die Strecke mit Bravour gemeistert,auch wenn die vordere
    Luftfeder den Geist aufgab. Dank der großartigen Hilfe unserer
    Gruppe wurde diese aber unterwegs gewechselt nachdem diese mit Hilfe
    von Perestroika und ADAC nach Archangelsk geliefert worden war.
    Ach ja, unsere Schwerlastrollen mußten auch noch gerichtet werden.
    Dies hat dann aber in alter Manier die Fa Behrens ausgeführt.
    Dank Perestroika und der Gruppe war diese Reise ein Erlebnis.
    Hans Josef Schauff, Köln

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