Das Wunder von Lemberg

Nein, es geht nicht um Fußball. Wir hatten uns fest vorgenommen, dieses Regenloch heute morgen Richtung die Oblast Iwano-Frankiwsk und ihre Nationalparks zu verlassen – da kommt doch tatsächlich nach dem Frühstück die Sonne heraus – und bleibt! Ein seltenes Ereignis in Lemberg, und so setzen wir uns hinters Steuer und rollen ins Zentrum. Erster Nerventest: Parkplatz für den Pössl. Wir finden einen ganz normalen Platz in einer Reihe anderer PKW, nehmen dann aber doch (trotz Kamera-und-Notebook-Rundum-Sorglos-Versicherung) unsere Rucksäcke mit der lebenswichtigen Technik auf die Buckel und verdunkeln rundum. Sieht gut aus, ab in die City.

Fassadendetail am Marktplatz
Fassadendetail am Marktplatz

Fassadendetail am Denkmal Nr. 356
Fassadendetail am Denkmal Nr. 356
Fassadendetail in Lemberg
Fassadendetail in Lemberg
Büchermarkt mit Katze
Büchermarkt mit Katze
Hinterhof an der armenischen Kirche. Ich habe wieder mal die 50er Festbrennweite ausgepackt und spiele damit herum.
Hinterhof an der armenischen Kirche. Ich habe wieder mal die 50er Festbrennweite ausgepackt und spiele damit herum.

Lemberg lebt einerseits von seinem gut erhaltenen k.u.k.-Charme, der es für westliche Besucher besonders attraktiv macht: Wiener Kaffeekultur, Renaissance-Architektur, Denkmäler über Denkmäler (11% der ukrainischen denkmalgeschützten Bauten steht in Lemberg), Kirchen über Kirchen. Dazu kommt das trotz der multikulturellen Vergangenheit stark ausgeprägte Bewußtsein für die ukrainische Kultur. Nirgendwo spricht man (für meine Ohren) ein so schönes Ukrainisch wie hier, und ich komme mir mit meinen von hier aus „hinter“ den Karpaten angeeigneten Sprachkenntnissen immer ein wenig bäuerlich vor. Derzeit macht sich  das Thema Sprache besonders bemerkbar: im Parlament steht ein umstrittenes Gesetz vor der Unterzeichnung, das beinahe jeder Verwaltungseinheit gestattet, eine lokale Minderheitensprache zur offiziellen Amtssprache zu machen. Das könnte in der Ukraine mit seinen vielen verschiedenen Minderheiten zu skurrilen Situationen führen (jemand kommt mit einer ungarischen Krankengeschichte aus dem Nachbardorf ins Krankenhaus in der Stadt, und die müssen erst einmal einen Übersetzer dransetzen …). Es gibt rein rumänische, ungarische, slowakische Dörfer in Grenznähe, dazu kommen natürlich die großen russischsprachigen Gebiete im Osten, die man vermutlich vor allem mit diesem Gesetzt im Auge hatte. Mit der russischen Dominanz hat man es nun in Lemberg traditionell überhaupt nicht, und so ist die ganze Stadt plakatiert mit Parolen gegen dieses Sprachgesetz. Wir wurden darüber hinaus Zeugen eines interessanten Dialogs in dem Touri-Bimmelbähnchen, das wir uns gönnten: Es gibt mehrsprachige Audio-Guides für die Tour, der Preis für ausländische Sprachen ist 50 Hriwnja, der für Ukrainisch 40 Hriwnja, also ein Euro Unterschied. Ein russischer Tourist sieht das irgendwie nicht ein und muß sich dann von dem freundlichen, aber sturen Kassierer nochmal den Status seiner Sprache in der Ukraine erläutern lassen („In Ihrem Land ist Ukrainisch auch eine ausländische Sprache“). Das sind die Momente, in denen ich mich freue, eine Sprache gut zu verstehen und zu sprechen: daß mir diese kleinen Dinge nicht entgehen.

„Beschütze die Sprache, beschütze die Ukraine“
„Beschütze die Sprache, beschütze die Ukraine“
Wessen Sprache, dessen Macht (oder so)
Wessen Sprache, dessen Macht (oder so)
„Eine Ukraine, eine Staatssprache“
„Eine Ukraine, eine Staatssprache“
„Uns vereint die Sprache“
„Uns vereint die Sprache“

Also fünfzig Minuten in der Bimmelbahn: auf jeden Fall lohnenswert, um sich einen Überblick zu verschaffen, und der deutschsprachige Audioguide spricht mit angenehmem Akzent und sehr süßen sprachlichen „Eigenartigkeiten“ seinen Text.

Touri-Bimmelbahn
Touri-Bimmelbahn
Starenkyj tramwaj (dum dum da di da dum dum, da di da dum dum, da da daa …)
Starenkyj tramwaj (dum dum da di da dum dum, da di da dum dum, da da daa …)

Erinnerungen an meinen ersten Besuch vor 22 Jahren werden wach. Wir waren an einem Tag im Herbst 1990 hier, das letzte Jahr der Sowjetunion sollte bald eingeläutet werden. Lemberg war ein Zentrum der ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen, und Lemberger Studenten waren für ihre Ziele in den Hungerstreik getreten. Wir sahen sie kurz mit ihren Stirnbändern, als wir mit dem Bus in die Stadt einrollten. Auf dem Platz vor der Oper war gerade das Lenindenkmal abgetragen worden, und rund um die Bauarbeiter mit ihren Preßlufthämmern standen die Menschen und diskutierten aufgeregt. Als man uns als Ausländer erkannte, zog man uns in den Kreis und zeigte aufgeregt auf die Fundamente des Denkmals: Grabsteine und Grabeinfassungen christlicher und jüdischer Gräber. Lenin stand auf Grabsteinen, was für ein mächtiges Symbol in diesen Zeiten! Mir läuft es heute noch kalt den Rücken herunter, wenn ich die Geschichte (zweimal: einmal für Roman auf Ukrainisch, einmal für Ray auf Deutsch) erzähle. Und ein drittes Mal hören wir sie dann noch einmal via Audioguide im Bimmelbähnchen – mein Eindruck, einen historischen Moment erlebt zu haben, trog mich also nicht, wenn er es neben den ganzen Jahreszahlen rund um Stadtzerstörung, Fürstentümer und Klosterbauten in 50 Minuten kompakte Stadtgeschichte für Touristen geschafft hat.

Vor der Oper. Wo der Brunnen jetzt steht, stand früher Lenin – auf Grabsteinen.
Vor der Oper. Wo der Brunnen jetzt steht, stand früher Lenin – auf Grabsteinen.

Schwitzend und mit ein paar leicht vertrockneten Brötchen im Bauch schleppen wir uns (und unsere Technikrucksäcke, man erinnert sich) auf den Burgberg, von wo aus man rundum auf die Stadt schaut. Auf der Bergspitze flattert die ukrainische Flagge, heute eine Selbstverständlichkeit. Schon 1990 hing hier kleiner, illegaler blaugelber Fetzen, den die Lemberger trotzig gegen die Sowjetmacht im Wind flattern ließen.

Der Weg zum Pössl zurück zog sich ein wenig, irgendwie waren wir heute morgen noch frischer unterwegs. Und etwas nervös waren wir ja doch: Knöllchen? Parkkralle? Steht der Wagen überhaupt noch am Platz? Aber natürlich nichts dergleichen, alles in Ordnung. Mit dem Feierabendverkehr rollen wir zurück Richtung Hippodrom, mit einem kleinen Abstecher ins Einkaufszentrum gegenüber, wo wir uns mit Zutaten fürs Abendessen eindecken (Es gibt eine Gemüse-Reispfanne à la Ray). Ich handele einen Rabatt für die zweite Nacht aus und verspreche, den Stellplatz im Internet zu loben. Das fällt mir allerdings leicht, denn es ist wirklich wunderschön hier. Der Bussardjunge von gestern begrüßt uns wieder vom Dach des Sanitärhäuschens, die Schwalbennester sind auch noch da, und direkt hinter uns weidet eine Herde von rund 20 Rennpferden und ihren Fohlen, nur abgetrennt von einer dünnen Schnur. Edle, scheue Tiere, die aber nach einer Weile auch ganz nah an die Tränke kommen.

Hier könnte ich stundenlang sitzen. Tue ich ja auch …
Hier könnte ich stundenlang sitzen. Tue ich ja auch …
Rassepferde am Stellplatz
Rassepferde am Stellplatz

Die Dunkelheit zieht ein, man hört zuweilen noch das leichte Pferdegetrappel nebenan, Roman versucht sich als Wardriver für das Hotel-WLAN und wir sortieren noch ein paar Fotos. Morgen geht es dann wirklich Richtung Iwano-Frankiwsk, mit der Aussicht auf ein bißl Natur unterwegs. Gute Nacht!

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