All quiet on the Western Front

Ziemlich heftig zum Frühstück, aber lecker.
Ziemlich heftig zum Frühstück, aber lecker.

Nach dem Start in Metz eine ruhige, genau richtig temperierte Nacht auf dem Camping „Les Breuils“ in Verdun; ausgeschlafen, frischwasserbetankt und gut gefrühstückt starten wir vormittags Richtung Zentrum. Erste Überraschung: Im Office de Tourisme wird deutsch gesprochen. Wir unternehmen einen kleinen Rundgang durch die schnuckelige Stadt mit Kathedrale, Markthalle, süßen Fußgängerzonen, und jede Menge historischer Architektur, die sich bis heute in normalen Wohngebäuden gehalten hat. Ebenso wie die Einschußlöcher aus einem der letzten Kriege.

In der Kathedrale
In der Kathedrale
Freskenreste an den Säulendiensten
Freskenreste an den Säulendiensten
An der Kathedrale: nach den Zerstörungen des Ersten Weltkrieges wurde ein romanisches Löwenportal wiederentdeckt, das bei der Barockisierung als unmodern zugemauert wurde …
An der Kathedrale: nach den Zerstörungen des Ersten Weltkrieges wurde ein romanisches Löwenportal wiederentdeckt, das bei der Barockisierung als unmodern zugemauert wurde …
Im „Centre mondial de la paix“ in Verdun: deutsche und französische Briefe von Soldaten nach Hause, zusammengemixt.
Im „Centre mondial de la paix“ in Verdun: deutsche und französische Briefe von Soldaten nach Hause, zusammengemixt.

Das gelbe runde Ding da oben am dunstig-blauen Himmel, ja es gibt sie übrigens noch. Den ganzen Tag über sonnig-bewölkt und erträgliche Temperaturen. Nachmittags geht es sogar mal kurz ohne Mütze.

Blick über den Fluß auf Uferpromenade von Verdun
Blick über den Fluß auf Uferpromenade von Verdun
Ich gehe weiter, ich gehe weiter, ich gehe weiter … 
Ich gehe weiter, ich gehe weiter, ich gehe weiter …

Oben an der Zitadelle nehmen wir ein leichtes Mittagessen ein und entdecken bei der Gelegenheit, daß wir wieder einmal Wasser im Innenraum stehen haben. Das müssen wir uns später genauer ansehen, hier können wir nichts machen.

Viele historische Relikte in normalen Wohnhäusern. Und Einschußlöcher?
Viele historische Relikte in normalen Wohnhäusern. Und Einschußlöcher?
Verdun Memorial.
Verdun Memorial.
Am „Verdun Memorial“: Pösslchen kriegt ein bißl Angst
Am „Verdun Memorial“: Pösslchen kriegt ein bißl Angst

Auf dem Programm steht nachmittags die Umgebung von Verdun, die vor beinahe 100 Jahren durch eine 300 Tage (!) andauernde Schlacht gezeichnet wurde. Von Februar bis Dezember 1916 wurden „Maschinen, Lebensmittel und Menschen“ an die Front gebracht und verheizt. Wer in seiner Jugend Remarque, oder zuletzt auch John Boynes Tristan Sadler gelesen hat, glaubt eine ungefähre Vorstellung von dem Horror zu haben; jetzt dürfen wir einige Schauplätze und das, was das Gedenken in den letzten einhundert Jahren aus ihnen gemacht hat, mit eigenen Augen sehen. Die durch Granaten zerfetzte Landschaft, heute kleine bewaldete Bodenerhebungen. Die zerstörten Dörfer in der „Rote Zone“. Lange kann man es auch nach so langer Zeit nicht aushalten: Die Kamera als Schutzmaske vor dem Gesicht, unterdrücke ich die Wut über allzu pathetische Inschriften, deren Autoren nichts gelernt zu haben scheinen („sie starben, damit Europa werden konnte“). Wenige Meter daneben die Gedenktafel von Schülerinnen und Schülern aus dem französischen Metz und dem deutschen St. Ingbert, die hier 2010 gemeinsam etwas gelernt haben. Ich muß weg hier.

St. Ingbert und Metz: eine deutsch-französische Schulpartnerschaft
St. Ingbert und Metz: eine deutsch-französische Schulpartnerschaft
Unsere liebe Frau von Europa als Friedenssymbol.
Unsere liebe Frau von Europa als Friedenssymbol.
Aufgeforstet: neun zerstörte Dörfer und das zerfetzte Land
Aufgeforstet: neun zerstörte Dörfer und das zerfetzte Land

Der große Friedhof in Douaumont mit dem riesigen Beinhaus für die unbekannten Soldaten, übrigens auch der Schauplatz des Kohl-Mitterand-Händchenhalt-Symbolfotos von 1984, das wir alle kennen. Wir lernen etwas über das marokkanische Kolonial-Infanterieregiment, deren getötete Soldaten eine eigene Gedenkstätte für muslimische Gefallene erhielten, ebenso wie die „ausländischen jüdischen“ Soldaten. Beide Gedenkstätten befinden sich an den entgegengesetzten Enden des Friedhofsareals. Die Gräber selbst immerhin zusammen auf einem Friedhof. Im Ossuarium, dem Beinhaus, eine Fotoausstellung, die Gesichter von überlebenden Kriegsteilnehmern (aus allen beteiligten Ländern) mit ihrem jüngeren Ich, das sie als großformatige Fotos in der Hand halten, zeigt. Großartig gemacht.

Alle tot.
Vom Kolonialregiment.
Auch tot.
Unbekannter Soldat.
Abri 320, oberhalb eines Festungsunterstandes
Abri 320, oberhalb eines Festungsunterstandes
Hier standen Kohl und Mitterand 1984 und hielten sich an der Hand
Hier standen Kohl und Mitterand 1984 und hielten sich an der Hand
Im Ossuarium (Beinhaus)
Im Ossuarium (Beinhaus)

Der Souvenirladen im Kellergeschoss ist dann nicht nur physisch sondern auch metaphorisch der geschmackliche Tiefpunkt dieses Areals. Vorne am Beinhaus in riesigen Lettern „Paix“ (Friede) einzumeißeln wird zur Farce, wenn man hinten raus dann Mousepads mit Schützengräbenmotiven und Granaten-Schlüsselanhänger vertickt. Fehlt nur noch die Gasmaske für die lieben Kleinen. Die Wut kommt doch wieder hoch, ich muß weg hier.

I ❤ Verdun. Oder so.
I ❤ Verdun. Oder so.
Wer es bis jetzt noch nicht verstanden hat, kann es sich nochmal in HD ansehen.
Wer es bis jetzt noch nicht begriffen hat, kann es sich nochmal in HD ansehen.

Wir machen uns auf den Weg in die Champagne, unser nächstes Ziel ist Châlon-en-Champagne, das sogar zwei gotische Kathedralen aufzuweisen hat. Über den schönen, seit 11. März geöffneten Campingplatz und wie es Pösslchen und seiner Pumpe erging, schreibe ich aber lieber morgen etwas.

Ein Kommentar

  1. ich hätte die Kanone am Verdun Memorial etwas weiter nach rechts ausgerichtet…und Feuer. Dann wär das mit dem Wassereinbruch schnell vergessen :-)

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