Blockhaus, Glücksorte und ein bißl von Lille

Mal ehrlich: wenn Ihr an einem Ostersonntag so ganz friedlich über Land Richtung Lille fahren würdet, was würdet Ihr beim Hinweisschild „Blockhaus d’Éperlecques“ erwarten? Ich mußte zunächst wegen des deutschen Worte schmunzeln, aber das vergeht einem hier oben eigentlich immer ganz schnell, denn viel Gutes aus Deutschland gibt’s hier dann doch nicht. Ray hatte am Abend zuvor etwas zum Atlantikwall aufgeschnappt, und deshalb bogen wir ab und machten den kleinen Umweg. Himmelherrgott, hier steht mitten im Wald eine gigantische Abschußanlage für die V2, die (abgesehen von den Schäden, die Briten durch Bombardierung hinterlassen haben), seit 1945 unverändert erhalten ist. Heute ist rundherum ein Freilichtmuseum errichtet, das offiziell dem Frieden dienen soll, aber natürlich eigentlich eine riesige Kriegs- und Waffenausstellung ist. Die Siegermächte haben da irgendwie einen anderen Zugang zu diesen Dingen …

Irgendwie enterprizig, dieser schnucklige Empfang … 
An irgendetwas von Herrn Roddenberry erinnert uns dieser schnucklige Empfang …

Erst auf den zweiten Blick erkannt: das ist kein (!) Lego
Erst auf den zweiten Blick erkannt: das ist kein (!) Lego
Das „Blockhaus“
Das „Blockhaus“
Das „Blockhaus“
Das „Blockhaus“
Ich weiß ja nie, ob ich das schrecklich oder beruhigend finden soll, daß die Dinger heute als Kinderbelustigung dienen.
Ich weiß ja nie, ob ich das schrecklich oder beruhigend finden soll, daß die Dinger heute als Kinderbelustigung dienen.

Rund 35.000 Zwangsarbeiter haben hier für die Deutschen geschuftet, aber wenn ich das richtig verstanden habe, haben die Alliierten mit heftigsten Luftangriffen dafür gesorgt, daß die Anlage nie völlig fertig wurde und – zumindest von hier aus – keine „Wunderwaffen“ zum Abschuß gebracht wurden.

Das war mal wieder genau das „Richtige“ für mich. Nächstes Jahr sind es 70 Jahre, daß der Wahnsinn ein Ende hatte, und bei der Einfahrt durch beinahe jedes französische Dorf sehen wir an den deutschen Partnerstädten, was Adenauer und De Gaulle nach dem Krieg erreicht haben, um die Nachkommen miteinander zu versöhnen. Wenn die Erben der Sowjet- und McCarthy-Zeit das auch noch schaffen würden, könnte ich im Moment bei weitem ruhiger schlafen.

Das war eine von diesen ungeplanten Stopps, die einen überwältigen. Der nächste war Saint-Omer – wir haben uns wieder für die unbekannte Landstraße statt schnelle Autobahn Richtung Lille entschieden, und unser Zwischenstopp St. Omer stellt sich als „die am besten erhaltene Stadt der Region“ heraus, sie wurde vom letzten Krieg weitestgehend verschont. Darüber hinaus ist die gotische Kathedrale wohl auch noch von den Plünderungen der Revolution verschont geblieben. Und wäre das nicht schon Glück genug für diese Perle mittelalterlicher Stadtbaukunst, kommt noch ein dritter Punkt hinzu: die deutsche Partnerstadt ist: Detmold!

Und ganz unauffällig schleicht sich eine gotische Kathedrale ins Programm.
Und ganz unauffällig schleicht sich eine gotische Kathedrale ins Programm.
Sehr heller Stein, ein mächtiges Querhaus, und nur ein Turm.
Sehr heller Stein, ein mächtiges Querhaus, und nur ein Turm.
Westseite mit Turm
Westseite mit Turm
Südportal.
Südportal.
Gut erhalten, aber nicht immer in gutem Zustand. Am besten gefallen mir hier die Rolläden.
Gut erhalten, aber nicht immer in gutem Zustand. Am besten gefallen mir hier die Rolläden.
Ergänzend ist noch anzumerken, daß auch die frischen Frites ganz exzellent munden.
Ergänzend ist noch anzumerken, daß auch die frischen Frites ganz exzellent munden.

Tja, bei so vielen ungeplanten Stopps bleibt für den geplanten in Lille leider kaum mehr als ein Mini-Abstecher ins Zentrum. Bereits im Vorfeld hatte ich mich nach Stellplätzen umgeschaut, und das sah mehr als mau aus. Empfohlen wurde in einem französischen Forum der Parkplatz „Champ de Mars“ an der Zitadelle, das klang nett und akzeptabel. Als wir dort ankamen, überraschte uns zweierlei: die große Frühjahrskirmes auf dem Champ de Mars, und die restlichen Parkplätze des riesigen Areals auf zwei Meter abgedengelt. Ganz großes Kino. Wir also Richtung Zentrum und Touristinfo (geschlossen), fanden sogar einen Parkplatz um die Ecke des Grand Place, wo das Abendlicht gar allerliebst strahlte und sogar der Himmel ein wenig bläute, was wir tagsüber etwas vermißten. Hier mußten wir uns noch einmal auf einen Kaffee niederlassen und den Blick genießen, nachdem ich Ray im Schnelldurchgang noch durch den Büchermarkt im Innenhof der alten Börse (wie passend!) geschleift hatte.

Traumhaftes Abendlicht in Lille
Traumhaftes Abendlicht in Lille
Büchermarkt!
Büchermarkt!
Ich kann mich kaum losreißen, aber wir müssen …
Ich kann mich kaum losreißen, aber wir müssen …

Dann aber mußten wir aber doch mal sehen, wo wir in der Nacht bleiben wollen. Der nächste Campingplatz ist neun Kilometer außerhalb, also los. Nach einigem Gekurve durch das beeindruckende Eurolille mit seinen verwirrend verschnörkelten Stadtautobahnen landeten wir auf dem landwirtschaftlich anmutenden Campingplatz Les Ramieres in Bondues, direkt neben einem kleinen Flugplatz. Madame Patron lotste uns persönlich, und für 16,50 bekommen wir hier Strom, Duschmarken und einen ruhigen Platz mit Blick in die Abendsonne.

Bitte genau jetzt die Zeit anhalten, danke.
Bitte genau jetzt die Zeit anhalten, danke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.