Wind um die Nasen: die Opalküste

Bergues weckt uns am Samstag mit dem bereits bekannten Glockenspiel. Wir haben den leisen Verdacht, daß der Glöckner nicht alle Viertelstunde persönlich hochsteigt … Die Weißschiffe verlassen beinahe im Konvoi den Platz, und am Wassergraben rund um die Stadtbefestigung hat sich halb Bergues versammelt, um gemeinsam (oder um die Wette?) zu angeln. Dieses Örtchen ist cool – hier ist noch richtig Gemeinschaftsleben, ich hoffe die bleiben so eigen und lassen sich von uns Touristen nicht das Hirn vernebeln.

Irgendwas zum Thema Wohnmobilparken wollte uns dieses Schild wohl mal sagen … 
Irgendwas zum Thema Wohnmobilparken wollte uns dieses Schild wohl mal sagen …

Das ist dann schon eindeutiger. Ein Übernachtungsplatz ist das hier eher nicht.
Das ist dann schon eindeutiger. Ein Übernachtungsplatz ist das hier eher nicht.
Endlich mal das Meer! Aber natürlich viel Schlick davor.
Endlich mal das Meer! Aber natürlich viel Schlick davor.
Es läuft immer noch vor mir weg.
Es läuft immer noch vor mir weg.
Kein Schmetterlingsfänger
Kein Schmetterlingsfänger

Wir wollen möglichst nah an der Küste entlangfahren, nicht die Strecke, die Google uns vorschlägt. Das verschafft uns zwischen Dünkirchen und Graveline Einblicke in unfaßbar weitläufige Hafenanlagen und Raffinerien, die sich über viele Kilometer hinziehen (später kamen wir noch dahinter, daß wir auch das zweitgrößte Kernkraftwerk Europas vor der Nase hatten). In Graveline finden wir eher zufällig einen schönen Parkplatz am Meer, wo wir unseren ersten Spaziergang die Kaimauer runter bis zum Wasser machen. Da das Meer – wie immer wenn ich an der Nordsee bin, ich erwähnte es wohl – grade weg war, ging es weit raus, wo sich bereits einige Angler mit sorgfältig zerquetschten Würmern oberhalb des Schlicks platziert hatten. Wie lange wollen sie da wohl warten, bis die Flut zurückkommt? Ray jedenfalls war in seinem Element, da er die großen Fährpötte nach Calais–Dover direkt vor der Nase hatte. Wir disponieren vor lauter Begeisterung grade den Tunnelplan nach England für den Sommer um und erwägen doch die Fähre. Mir alten Tunnelphobikerin soll es recht sein … .

Landschaft
Landschaft
Bei der Anfahrt auf Escalles ein großartiger Platz zum Mittagspicknick.
Bei der Anfahrt auf Escalles ein großartiger Platz zum Mittagspicknick.

Da ich Ray für heute zwei Nasen versprochen hatte, fahren wir durch Calais nur durch und steuern das Cap Blanc-Nez bei Escalles an. Ich hatte die pure Natur, einsame Strände und so im Kopf, und die Landschaft ist wirklich großartig, das bisherige Flachland steigt schlagartig an und wird zu einer aufregend hügeligen Landschaft mit viel Landwirtschaft.

Blick auf den Womo-Stellplatz in Escalles – sah schon einigermaßen gut gefüllt aus. Der Blick auf die Landschaft müßte jedoch sehr nett sein in der Höhenlage.
Blick auf den Womo-Stellplatz in Escalles – sah schon einigermaßen gut gefüllt aus. Der Blick auf die Landschaft müßte jedoch sehr nett sein in der Höhenlage.
Das Kap im RÜcken, der PKW-Parkplatz und die verzweifelten Womos am Straßenrand.
Das Kap im Rücken, der PKW-Parkplatz und die verzweifelten Womos am Straßenrand.
Ein Lichtblick – Unter zwei Meter, das Glückskind.
Ein Lichtblick – Unter zwei Meter, das Glückskind.

Die Kaps sind aber leider schon lange kein Geheimtipp mehr, sondern eine der 35 „Grand Sites“ in Frankreich (also vergleichbar z.B. mit Mont Saint Michel), und insofern am Ostersamstag schon sehr gut besucht. Oberhalb des Kaps, das voll mit alten deutschen Bunkeranlagen ist, strömten die Massen, und der einzige Parkplatz dort hat eine Zwei-Meter-Begrenzung. Einige wenige Womos quetschten sich im Ergebnis verzweifelt an den Straßenrand. Unser Tipp: Gegenüber der Parkplatzeinfahrt führt eine Straße auf den Mont d’Hubert, wo die Aussichten noch grandioser und die Parkplätze (zumindest Karsamstagnachmittag) fast leer waren. Dort gibt es auch eine gastronomische Einrichtung, die unser Geld heute aber nicht haben wollte.

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Der Wind pfeift uns um die Ohren, Kinderwagen, volle Parkplätze und ich seh keinen weißen Kalkstein. Klar, den sieht man nur von unten am Strand. Aber welcher Strand doch gleich? OK OK, die viele frische Luft schlaucht uns Stadtweicheier. Nach einer Umrundung des „Boucles“ beschließen wir, zur grauen Nase (Cap Gris-Nez) weiterzuziehen und dann vielleicht im Abendlicht zum Strand unterhalb der weißen Nase zurückzukehren. Die graue Nase liegt etwa 10 Kilometer weiter in Sichtweite, eigentlich auch eine schöne Wanderstrecke an der Küste entlang – eher im Sommer, aber da dürfte das Wandervolk sich erst recht auf die Füße treten.

Parkplatz am Gris-Nez. Klare Ansage.
Parkplatz am Gris-Nez. Klare Ansage.
Dabei wäre das ein wirklich schön gelegener Platz – im Hintergrund die weiße Nase.
Dabei wäre das ein wirklich schön gelegener Platz – im Hintergrund die weiße Nase.
Hier ist landschaftlich mehr los – man sieht was von der Abbruchkante und der Brandung
Hier ist landschaftlich mehr los – man sieht was von der Abbruchkante und der Brandung
Noch jemand, der geschlaucht ist.
Noch jemand, der geschlaucht ist.

Etwas weniger überlaufen, aber ebenfalls mit einem Rundweg gut erschlossen das Cap Gris-Nez. Hier gefällt es mir besser: es ist nicht so hoch, und man sieht wenigstens etwas von der Abbruchkante und dem Meer unterhalb. Es ist auch ausnahmsweise mal da!

Unter „Strand“ verstehe ich jetzt doch was anderes.
Unter „Strand“ verstehe ich jetzt doch was anderes.

Einen Strand hatte ich immer noch nicht, auch Gris-Nez hat diesbezüglich nichts zu bieten – wenn man dem Schild „Plage“ folgt, führt eine Straße betoniert direkt ins Meer, ein paar Felsbrocken, ein Parkplatz, Menschen, die auf der Straße stehen und ins Meer schauen. Nix für uns.

Also zurück Richtung Blanc-Nez. Allerdings sind uns bereits auf der Hinfahrt gut gefüllte Womo-Stellplätze aufgefallen, und die Straßen waren immer noch voll von den Schiffen, als ob sie alle am Suchen wären. Wir versuchten es deshalb spontan – und weil die Müdigkeit langsam zuschlug – in Wissant, ein Ort am Strand direkt zwischen den beiden Caps. Dem ersten „Camping“-Schild folgten wir, eine große, aber nette Anlage, wo wir auf unsere Frage nach einem Platz für die Nacht gleich auf Deutsch „mit Strom?“ als Rückfrage erhalten. Strom gibt es wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr, aber einen ruhigen Platz mit Sichtschutz zum Nachbarn direkt an einem Naturschutzsee. Zum Strand zu Fuß 5-6 Minuten.

Das Meer macht sich vom Acker.
Das Meer macht sich vom Acker.
Die Strandpromenade von Wissant. Angenehme Atmosphäre, Blick auf die weiße Nase hinten
Die Strandpromenade von Wissant. Angenehme Atmosphäre, Blick auf die weiße Nase hinten
Frische Waffeln!
Frische Waffeln!
Eine der ganz harten.
Eine der ganz harten.
Sturmfrisur
Sturmfrisur
Ungezählte Kitesurfer
Ungezählte Kitesurfer
Die Sonne am Schluß dann doch auf der weißen Nase, auch wenn ich mir das mit den „endlosen menschenleeren Stränden“ anders vorgestellt hatte.
Die Sonne am Schluß dann doch auf der weißen Nase, auch wenn ich mir das mit den „endlosen menschenleeren Stränden“ anders vorgestellt hatte.

Der letzte Spaziergang heute dann – endlich! – mit richtigem Strand und einem schönen Blick auf die weiße Nase. Wir in dicken Jacken, Schal, Kapuze vor dem Wind geschützt, auf dem Wasser waghalsige Kitesurfer den Wind genießend. Es pfeift ganz schön! Von dem kleinen Strandcafé aus läßt sich das alles aber sehr schön beobachten. So langsam zieht sich auch – wie erwartet – das Meer zurück, hat wohl gemerkt, daß ich da bin.

Lachs auftauen à la Pössl.
Lachs auftauen à la Pössl.

Sind wir erschlagen von dem Wind und der vielen frischen Luft heute! Halb schlafend, halb wachend noch den Lachs aufgetaut (das Eisfach läuft auf Gas, steinharter Fisch!) und einen leckeren Couscous mit Tomaten dazu bereitet. Alles ist gut, der gute Fitou tut sein übriges, daß ich wohl bald ins Bett falle.

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