Old Shatterhand, gotische Altäre und Terraforming-Visionen

Eieieieiei. Die Sache mit dem „wir haben ja eine ganze Woche für die Lausitz“ ist für diese Gegend einfach utopisch. Wie so oft ist die Region wesentlich spannender und größer, als man vorher denkt, und wir bleiben länger an einzelnen Orten hängen, als wir erwarteten. Im Grunde sollten wir das in unserem Alter langsam auch mal kapiert haben. Manchmal freue ich mich auf die Rente, wenn wir uns endlich mehr Zeit nehmen können. Wenn das hier alles nicht so weit weg von Köln wäre!

Wohnmobil-Stellplatz Radebeul am Wohnmobilstellplatz am Wassersportzentrum Radebeul, im Ortsteil Kötzschenbroda direkt an der Elbe.
Wohnmobil-Stellplatz Radebeul am Wohnmobilstellplatz am Wassersportzentrum Radebeul, im Ortsteil Kötzschenbroda direkt an der Elbe.

Die Nacht trommelt ein wenig Regen auf unser Dach, und morgens ist es bedeckt, aber warm-schwül. Diese relativ mickrig aussehende Elbe rechts im Bild vor unserem Stellplatz hätte übrigens vor ein paar Jahren noch locker bis deutlich über Pösslchens Dach gestanden bei einem der letzten großen Hochwasser.

Wenn wir schon mal in Radebeul sind, müssen wir natürlich kurz bei Old Shatterhand vorbeischauen. Villa Bärenfett ist gleich nebenan. Neben der üblichen ethnologisch angehauchten Indianergeschichte und dem Wohnhaus von Karl May gab es eine Sonderausstellung zu Mays zweiter Frau Klara May, die als Fotografin hervorgetreten ist. Sehr schön. Fotoerlaubnis 2 Euro extra, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Die Postkarten im Souvenirladen sind noch aus der DDR und kosten 25 Cent – DDR-Preis war 20 Pfennig.

Villa Bärenfett
Villa Bärenfett

Wir ziehen weiter Richtung Hoyerswerda, wo es potentiell spannende „Platten-Rückbauten als Kunstobjekt“ geben soll. Was gibt es denn auf dem Weg noch Interessantes? Schau doch mal in den Reiseführer! Oh, Kamenz könnte sich für eine Mittagspause lohnen, da gibt es jede Menge gotische Flügelaltäre, in einer Kirche sogar fünf Stück auf einmal. Man muß dazu wissen, daß die Gegend hier natürlich extrem evangelisch ist (mit Ausnahme der sorbischen Ecken). In Kamenz ist das so, daß man nach der Reformation „relativ unproblematisch evangelisch geworden ist“. Die alten Kirchen wurden dann halt übernommen, inklusive Ausstattung (außer den Behältern für die „sogenannten Hostien“). Wenn man aus einer so katholischen Ecke wie wir kommt, wo evangelische Kirchen fast ausnahmslos neuer oder sogar modern sind, ist das  ungewohnt anzusehen.

Ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich DDR-Spuren suche.
Ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich DDR-Spuren suche.

Eine schnucklige Altstadt mit engen Kopfsteinpflastergäßchen (nein, ich schreibe jetzt nichts Lästerliches zum Aufbau Ost, hier ist Großartiges geleistet worden) und extrem freundliche Menschen. Es geht los mit Frau Fröhlich (sic!) von der Touristinformation, der wir etwas Material für die Gegend entlocken.  Sie schickt uns hochmotiviert Richtung Hauptkirche St. Marien und legt uns zusätzlich ihr Sakralmuseum in der Klosterkirche St. Anna ans Herz. Wir nehmen natürlich beide Tipps gerne an und lassen uns bei St. Marien, das mit zwei Mitarbeitern besetzt ist, noch zusätzlich die Katechismuskirche zeigen, eine Wehrkirche, die innen mit Bauernmalerei auf Holz ausgestattet ist. Er erzählt von den Reformationskriegen, von der Restaurierung der Kirche und einigem mehr. Eine Lessing-Rundtour (der Dichter ist hier geboren) sparen wir uns, da ist man aber sehr fantasievoll: man kann sehen, durch welches Tor Lessing zur Schule ging, wo er die Malzherstellung sehen konnte oder wo er im Winter kalte Füße hatte (oder so ähnlich).

Rathaus von Kamenz. Hat fast etwas venezianisches
Rathaus von Kamenz. Bläute der Himmel, deuchte es uns in Venedig …
Angekokelter Friedhofsengel.
Angekokelter Friedhofsengel.
Bauernmalerei in der Katechismuskirche.
Bauernmalerei in der Katechismuskirche, frisch restauriert.
Hauptkirche in Kamenz
Hauptkirche in Kamenz
Opa.
Opa.
Irgendwie sehen die Im Sakralmuseum: Herrschaften aber doch ziemlich evangelisch aus, oder?
Im Sakralmuseum: Irgendwie sehen die Herrschaften doch ziemlich evangelisch aus, oder?
Die fünf gotischen Altäre. Sehr schönes Kooperationsprojekt zwischen Stadt und Kirche, die Kirche ist noch geweiht und wird genutzt, die Stadt finanziert das Museum. 3 Euro Eintritt.
Die fünf gotischen Altäre. Sehr schönes Kooperationsprojekt zwischen Stadt und Kirche, die Kirche ist noch geweiht und wird genutzt, die Stadt finanziert das modern konzipierte Museum. 3 Euro Eintritt kann man sich gefallen lassen.

Als wir Kamenz verlassen, ist es sage und schreibe 15:30 Uhr und wir beschließen, uns Hoyerswerda zu knicken. Ich glaube, selbst wir als Beton-Architekturfreaks brauchen für die Ästhetik von Plattenbauten einen blauen Himmel, und der will heute nicht so recht (ja, ich weiß: Hoyerswerda hat auch eine schöne Altstadt). Es sind auch üble Unwetter angesagt. Dann lieber direkt zum Lausitzer Seenland als Tagesziel. Das ist hier überhaupt eine sehr faszinierende Sache: Jede Menge großer Seen, und kein einziger natürlich, alles Flutungen von ehemaligen Braunkohletagebau. Noch nicht alles fertig, alles noch in der Flutung, teilweise ist der Tagebau noch aktiv. Wir landen am Geierswalder See an einem Campingplatz fast direkt am Ufer. Es ist mitten in der Woche nicht viel los, um nicht zu sagen: überhaupt nichts. Trotzdem ist ein ballermann-ähnliches Strandcafé mit Surfbrettverleih geöffnet, und es läuft leise Musik. Rechterhand ist noch Gefahrenzone, weil der Abraum noch rutschen könnte, linkerhand Tretbootverleih und megatonnenweise Sandstrand. Man darf baden und es sieht insgesamt extrem entspannt aus. Als ich später etwas abseits noch ins Wasser springe, habe ich den Eindruck, daß wir Pösslchen hier auch einfach hätten parken können, ohne daß jemand etwas gesagt hätte.

Sandstrand am Geierswalder See.
Sandstrand am Geierswalder See.

Alles wirkt noch etwas … skurril ist vielleicht das falsche Wort, mir kommen Bilder von Terraforming in den Sinn. Nur zerstören wir hier erst alles bis zu einer Mondlandschaft, und dann bauen wir es irgendwie anders wieder auf. In 10 Jahren wird hier wohl niemand mehr merken, daß etwas nicht ganz natürlich ist. Neben Tourismus hat man hier wohl auch einiges in Richtung Naturschutzgebiete unternommen, was die Vogelfreunde freut. Ob Ray und ich solcherart Veränderungen in Garzweiler noch erleben werden, glaube ich eher nicht.

Gegen Abend dann die angesagten Unwetter, die sich hier noch recht mäßig in einem ordentlichen Regen mit Gewitter niederschlagen. Von den ganz üblen Starkregen, Hagel und Hochwasser bleiben wir voläufig verschont, in Meißen hat es ganze Straßenzüge aufgerissen. Mal sehen, wie es morgen aussieht, Radtour oder doch lieber Museum oder ganz was anderes.

Der Anfang des Starkregenereignisses.
Der Anfang des Starkregenereignisses.
Airstream-Wohnwagen
Und dieses Schmuckstück hier ist speziell für Jos Sammlung.

Tag 1: Mit Pösslchen in den wilden Osten

Ein Kommentar

  1. ich war noch gar nicht bis zum unteren Bild gekommen und hatte schon mit den Augen geblinzelt. Hab ich da nicht einen Airstream im Hintergrund gesehen.
    Ich find sie immer wieder geil (sorry), wenn ich denen doch nur ne ebenso geile Webseite bauen dürfte.
    Also jetzt sagt doch auch mal was dazu:
    http://www.airstream-germany.de/
    DAS GEHT DOCH BESSER

    Irgendwann kauf ich mir auch son Ding und häng es an unsere Emma :-)

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