Hochherrschaftlich picknicken und dann ab zur Käsepresse

Cornwall mit dem Wohnmobil: Lanhydrock House – Bodmin Moor

Wir kommen langsam in den richtigen Rhythmus; schade, daß wir im Prinzip schon fast auf dem Rückweg sind (und diesen Gedanken leider nicht ganz aus dem Kopf bekommen – wenn man eine Fähre bekommen muß, bleibt das wohl nicht aus). Von St. Anthony, wo man es gut aushalten kann, ziehen wir Richtung Bodmin Moor und wollen es dort genauso machen: Stellplatz möglichst nah an Wanderroute, nächsten Tag wandern, dann abends wieder bleiben und am nächsten Tag weiter. Mal sehen, ob das klappt.

Zunächst aber wollen wir doch mal eins dieser hochherrschaftlichen Anwesen besichtigen, die uns der National Trust bietet, denn bisher haben wir zwar viele vom Trust betreute Landschaften und Küstenstreifen besucht, aber so ganz ist unsere Rechnung mit der Jahresmitgliedschaft nicht aufgegangen. Als Denkmalpflege-Groupies sehen wir das aber nicht ganz so eng, dann haben wir halt was für die englische Kultur getan … oder wir kommen im Laufe eines Jahres einfach noch mal wieder.

Lanhydrock House
Lanhydrock House

Bescheiden, wie die englischen Lords so sind, heißen die ganz großen Paläste gerne einfach nur „House“. Wir besuchen Lanhydrock House und sind ziemlich überwältigt. Eine zunächst erfolgreiche Geschichte, bei der die frühen Eigentümer in Geld schwimmen, das Haus ausbauen und ihr Eigentum brav an die Sprößlinge vererben, später ziemlich traurig, als die letzte Generation in der spätviktorianischen Zeit – immerhin ursprünglich 10 Geschwister – praktisch ohne Erben ausstirbt und gegen ein Wohnrecht auf Lebenszeit das Objekt an den National Trust verschenkt. Man erwog wohl sogar, es abzureißen, weil viktorianischer Stil nach dem Zweiten Weltkrieg wohl ebenso beliebt in England war wie in Köln die Häuser der sog. „Gründerzeit“ … zum Glück fand sich jemand mit einem Horizont über die eigene Generation hinaus.

Blick aufs Pförtnerhäuschen
Blick aufs Pförtnerhäuschen

54 Zimmer, alles mehr oder weniger im Originalzustand und begehbar, außer dem Silber auf dem Tisch, das vor einiger Zeit gestohlen wurde. Dezent didaktisch aufbereitet für Kinder und Erwachsene. Rundherum ein typischer englischer („formaler“ wie Wikipedia schreibt) Garten, in dem man wunderbar – natürlich stilecht – picknicken kann. Das Ganze perfekt bis ins letzte i-Tüpfelchen verwaltet, rollstuhlgerecht, mit angelegten Radwegen über das großzügige Gelände (mit Fahrradverleih), Gärtnerei, Buchladen, Café, und einem Butler, der einem vor dem Besuch eine Einführung in die Geschichte des Hauses gibt. We are impressed, indeed.

Die Tafel ist noch gedeckt
Die Tafel ist noch gedeckt
Wußte nicht, daß Elche so große Köppe haben.
Wußte nicht, daß Elche so große Köppe haben.
War das jetzt das Arbeitszimmer des Lords? Oder das Raucherzimmer?
War das jetzt das Arbeitszimmer des Lords? Oder das Raucherzimmer?
Galerie und Bibliothek mit Stuckdecke
Galerie und Bibliothek mit Stuckdecke
In der Hauskirche wurde heute gesungen
In der Hauskirche wurde heute gesungen

Am späten Nachmittag ziehen wir eine kurze Strecke weiter ins Bodmin Moor, wo wir irgendwo in Minion und dem höchsten Punkt von Cornwall bleiben wollen. Bisher hat es irgendwo immer einen Farm-Campingplatz gehabt, hier haben wir Pech. Oder Glück, wie man’s nimmt: Wir bleiben einfach auf dem wunderbar gelegenen Parkplatz in der Nähe des (verlassenen) Heritage Centers stehen und schlafen wie zwei Steine. Als es dunkel wird, gesellt sich noch ein zweites Womo dazu. Das mit dem Overnight Parking hätte wohl auch gerne eine Knolle werden können, aber wir haben es mal riskiert, hier oben ist es einigermaßen einsam, der Ort ist offenbar nicht genervt von den paar Wandertouristen hier oben.

Der beinahe perfekte Übernachtungsplatz
Der beinahe perfekte Übernachtungsplatz

Bis Sonnenuntergang und kurz nach Sonnenaufgang sind allerdings die Hundebesitzer unterwegs, die ihre Lieben ausführen und oft mit dem Auto kommen. Als ich bei Sonnenaufgang (leider ein klein wenig zu spät für ein gutes Foto) halbnackt aus dem Pösslchen springe, habe ich schon den ersten Besuch auf dem Platz. Schnell wieder unter die Decke. Es schaute aber niemand irgendwie unfreundlich oder abweisend, und wir hatten abends unser zweites Kastenwagen-Beratungsgespräch, oder war es das Dritte? In London waren es die Besitzer eines antiken Concordes, die auf Pössl umsatteln wollen und unser Chaos besichtigen durften, in St. Anthony schwärmte uns ein T4-Malibu-Fahrer von seinem unverwüstlichen Fahrzeug vor, das aber schon 250.000 km auf dem Buckel hatte, und strahlte, als wir ihm vom neuen Malibu berichteten. Und hier in Minions liefen wir grade ein wenig über die Hochebene, als wir zwei Personen um Pösslchen herumschleichen sahen – wir natürlich sofort zurück und einen sehr netten Plausch, da die beiden ebenfalls einen Pössl kaufen wollen und sich über unsere Erfahrungen und die diversen Zuschnitte informierten. „Very sorry we could not steal your van“

Abendlicht auf die nahegelegenen Steinkreise
Abendlicht auf die nahegelegenen Steinkreise
Steinkreise Hurlers
Es lagen sogar noch Opfergaben an den einzelnen Steinen. Alles noch sehr mytisch geprägt hier oben …

Abends noch wunderbares Licht auf den Steinkreisen in der Nähe, heute morgen dann tiefbedeckter Himmel, aber zum Glück kein Nebel. Eine eigenartige Stimmung im Hochmoor, sehr still – sieht man vom gelegentlichen Blöken der Schafe und dem Klicken unserer Kameras ab – und weicher Boden, der den Gelenken wohltut. Hügel und Senken, die Assoziationen an Verdun wachrufen, aber hier wohl weitestgehend natürlichen Ursrpungs sind. Ein paar Hügelgräber sind wohl auch dabei. Etwas anderes an diesem Ort ist doch wieder halbwegs menschengemacht: Granitsteinbrüche, die das Material für die Westminster Bridge lieferten, so daß man bei den diversen Formationen oft nicht weiß, ob sie jetzt natürlich, frühgeschichtlich oder industriell sind.

Beinahe Sonnenaufgang
Beinahe Sonnenaufgang

Die Tour hat nur rund 6 Kilometer und selbst der Aufstieg auf den Cheesewring nur mäßige bzw. kurze Steigungen, so daß wir zeitig zurück sind und uns dann doch auf den Weg machen, denn eine zweite Nacht hier oben wollen wir dann nicht riskieren, und uns geht auch das Wasser langsam aus. Kaum sind wir am Pösslchen, klart sich natürlich auch der Himmel auf und es wird sonnig und warm. Großartig.

Steinbruch Cheesewring Schienenweg
Auf den zweiten Blick: Kein netter Wanderweg, sondern ehemaliger Schienenweg des Steinbruchs
Oben Käsepresse, unten Schaf.
Oben Käsepresse, unten Käseproduzentin.
Cheesewring
Warum auch immer das Ding Käsepresse heißt …
Und wieder Regentropfen, bevor die Sonne rauskommt
Und wieder Regentropfen, bevor die Sonne rauskommt

Es geht jetzt raus aus Cornwall, wir lassen Dartmoor links liegen und zielen auf Exeter. Davon morgen mehr.

Ein Kommentar

  1. Lanhydrock House ist mir irgendwie zu groß, ich nehm das „Pförtnerhäuschen“ :-)
    Bei dem Tiger erwartet man irgendwie, dass James gleich drüber stolpert.

    LG Jo

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