Digitale Nomaden oder doch verwurzelt in Kölle?

Seit ein paar Wochen stolpere ich vermehrt über Blogs von Leuten, die als „Digitalnomaden“ ausschließlich im Wohnmobil wohnen (wollen), also ihren Job, der „irgendwas mit Internet“ ist, ortsunabhängig ausführen können. Idealvorstellung: am Strand in Portugal die Füße im Sand und ein paar Stunden Jobs per Notebook erledigen, bevor man wieder surfen geht.

 

Ich ertappe mich dabei, wie ich mir das für uns vorzustellen versuche – wie könnte unser Leben in fünf, wie in zehn Jahren aussehen? Es sind sowohl die ganz jungen, flippigen Typen wie die Herman-Crew, die wohldurchdacht „aussteigen“, als auch Leute (mehr oder weniger) in unserem Alter und drüber wie die Rumtreiberin oder auch Andreas und Claudia von 14qm, die sich das trauen. Denn Mut gehört auf alle Fälle dazu. An so profane Sachen wie Winter, Krankenversicherung, Versorgung im Krankheitsfall oder Unfälle wollen wir gar nicht erst denken.

Unser Pösslchen ist zwar für temporär Digitalreisende wie uns gut ausgestattet; wo andere ihr Womo mit TV und Lichtleisten aufhübschen, gehen bei uns gute Batterien, 12-Volt-Steckdosen an wichtigen Plätzen sowie ordentliche Datentarife auf der Karte vor. Wir leben sowieso zur Hälfte im Internet und genießen es, wenn der Streß mal wieder zu groß wird, das Notebook einfach irgendwo an der (U|E)rft aufzuklappen und zu arbeiten. Schon wenn wir hinter dem Steuer sitzen und die erste Ampel in Ehrenfeld hinter uns lassen, beginnt die Entspannung. Aber für ganz, für immer? Wär das nicht was?

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Wenn man „digitale Nomaden“ googelt, findet man eine ganze Philosophie von Minimalismus, die mir altem Bücherjunkie erstrebenswert erscheint. Wir leben eh bescheiden und ich schwanke immer zwischen „ist doch total nachhaltig und cool, daß wir auf xundfünfzig Quadratmeters zurecht kommen“ und „boah ist das hier vollgestopft, muß mal wieder ausmisten“ oder dann auch „ich will ein drittes Zimmer“. Im Moment hängt ein Zettel im Flur, als Erinnerung daran, jeden Tag ein Teil auszusortieren: verschenken, wegschmeißen, verkaufen. Bei Klamotten und Büchern funktioniert das zwischendurch ganz gut, aber der Grundstock an „guten Büchern“ und „Lieblingsklamotten“ wird natürlich doch nicht angefaßt und von Minimalismus sind wir so weit entfernt wie San Francisco vom Delta-Quadranten.

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Können wir uns aber vorstellen, ganz ohne lokale Verankerung draußen zu leben und zu arbeiten? Ganz frei, immer an der frischen Luft. Kundenmeetings per Skype oder einfach hinfahren, früher Termin kein Problem, wir übernachten auf dem Firmenparkplatz … man braucht doch eigentlich nicht viel …

Vergessen wir mal den materiellen Krempel, von dem es sich vielleicht noch verabschieden läßt – könnten und wollten wir uns von den sozialen Kontakten und von dem Konzept „Leben in Köln“ verabschieden, das wir uns in den letzten 10 Jahren hier aufgebaut haben? Was ist mit der anderen Hälfte unseres Lebens, das nicht im Internet stattfindet? Abgesehen vom Brotjob: Wir hängen in allen möglichen kulturellen Veranstaltungen und Vereinen mit drin, betreuen ehrenamtlich einen Gruppenraum, kümmern uns um die Post vom kranken Freund, lieben den morgendlichen Flirt mit der Bäckerin und den Tratsch beim Haareschneiden … Das sind doch die Dinge, die in Kopf und Seele viel eher schmerzen, wenn es an den Minimalismus geht. Dinge, die übers Internet definitiv nicht gehen, oder anders: vieles davon ist eng verknüpft mit dem, was wir im Internet machen, die beiden Welten befeuern sich gegenseitig. Von befreundeten Auswanderern wissen wir, wie schwer es ist, Freundschaften aufrecht zu erhalten, wenn man am anderen Ende der Welt ist. Mancher mag die Trennung von diesen Bindungen und freiwilligen Verpflichtungen als Befreiung sehen, aber ich weiß, daß ich mich (derzeit noch …) schwer damit täte und es vermissen würde.  Oder?

Denn: das Bild im Kopf geht so schnell nicht weg.

2 Kommentare

  1. Hallo Elke,

    wir haben uns auch 7 Jahre Zeit gelassen um diesen schritt zu gehen. Ich weiß nicht wie es ist in einer Großstadt wie Köln zu leben mit all den Annehmlichkeiten. Ich komme aus einen 60 Einwohner großem Kuhdorf in Norddeutschland bin zwar immer am WE in Städten wie B,HH,H gewesen konnte es mir aber nie vorstellen in der Stadt zu leben. Und nun wo wir beide die 50 überschritten haben, hey was wollen wir noch. Und wir entschieden uns für Sonnenuntergänge am Meer, Sonne, Winter und alles was die Natur und da draussen noch so bietet. Ein möglichst selbst bestimmtes leben ohnen die normalen zwänge. So klein ist unserer Wohnmobil dann aber auch nicht 22m², sogar mit Kamin :-)

    Sonnige Grüße
    Max

    Ps. Wäre schön wenn du den Link „Rumtreiberin“ im Beitrag noch setzt Danke

  2. Hi Max, schön Dich zu lesen :-) Ich habe den kaputten Link angepaßt. Spannend fand ich von den letzten Tagen bei 14qm zu lesen – die haben auch das Problem, daß sie immer noch ein sehr hohes Tempo fahren und Mühe haben, runterzukommen. Das ist vielleicht ein städtisches Problem, aber ich glaube das haben viele von uns.

    Bei unserem Stadtleben geht es uns aber eben nicht nur um Annehmlichkeiten, sondern eben auch um soziale Kontakte und (freiwillige) Verpflichtungen, die man auf sich genommen hat. Das ist sicher auf dem Dorf nicht so viel anders. Auch davon muß man sich erst mal lösen (können).

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