Zeiten die sich ändern, Zeiten, die stehenbleiben

Fontaine-de-Vaucluse, knapp 25 Jahre später

Wir haben uns für mindestens eine Woche in Fontaine-de-Vaucluse auf dem Campingplatz Les Prés einquartiert. Etwas besorgt war ich schon, ob das die richtige Entscheidung war – nicht, weil ich unbedingt wieder jeden Tag woanders ganz toll in der Wildnis oder auf staubigen Parkplätzen freistehen wollte, sondern weil ich vor rund 25 Jahren hier mehrfach in der verträumten Jugendherberge am Ortsausgang meine Urlaube verbracht habe. Was hat sich verändert, was ist geblieben? Hat sich mein Blick verändert? Würde es Ray ebenso gefallen wir mir damals? Und fühle ich mich immer noch so wohl hier?

Die geheimnisvolle Quelle.
Die geheimnisvolle Quelle, sonntags doch recht belagert.

Jetzt sind wir seit Sonntag hier und haben uns mit kleineren Rundgängen im und rund um das Dorf akklimatisiert. Was ist geblieben? Der Fluß, die Quelle – und der touristische Fußweg hoch zu dem im Sommer immer recht unspektakulären Loch im Felsen ist ganz der Alte. Die Papiermühle, die „Künstlerpassage“, die zum Einkaufen animieren soll, alles wie gehabt. Der verträumte Park hinter dem Petrarca-Museum steht vermutlich inzwischen  als Geheimtipp im Marco Polo, er ist immer noch verträumt und ein wunderbarer Platz zum Siestahalten und meditativ-auf-den-Fluß-schauen. Das klare, grün schillernde Wasser zieht Ray ebenso wie mich in den Bann. Die „Schwimmen-verboten“-Schilder sind neu – nicht neu jedoch die Tatsache, daß dies niemanden kümmert hier.

Das klarste Wasser der Welt
Das klarste Wasser der Welt

Was mir sofort auffällt: es gibt keine streunenden Katzen mehr. Vor Jahren gab es mitten im Ort ein verfallenes Fabrikgebäude, wo sich die herrenlosen Tiere versammelten. Eins davon habe ich damals mit nach Hause genommen, wo es zu einem kämpferischen, aber auf seine alten Tage hin doch noch recht verschmusten Katertier heranwuchs. Mit sage und schreibe 20 Jahren auf dem Katzenbuckel ist er 2010 gestorben. Der „Lost Place“ ist weg, hier steht jetzt eine Art Appartmenthaus mit Ladenpassage im Erdgeschoss. Eigentlich eine Verbesserung – aber die Mieten sind wohl so hoch, daß die Läden fast alle leerstehen (ob jetzt die Katzen bald wiederkommen?).

Die Burg oberhalb des Dorfes – etwas Gekraxel, nicht viel los hier oben, rundum geht es steil hinunter.
Die Burg oberhalb des Dorfes – etwas Gekraxel, nicht viel los hier oben, rundum geht es steil hinunter.
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Blick von der Burg auf die Sorgue
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Überall Kräuterdüfte, die nicht nur uns anziehen

Die Burg, die Kirche, der Fluß, das Aquädukt, der Kanuverleih – rundherum scheint alles beim Alten. Nichts aufgebrezelt oder abgesperrt, Gefahren werden einfach mit einem „du bist hier auf eigene Gefahr, paß gefälligst auf“-Warnschild abgefrühstückt (undenkbar etwa in England!). Geländer werden einfach überklettert, niemanden interessiert es. Abseits des Touristenstroms (der sich wochentags sowieso in Grenzen hält) herrscht hier die pure Entspannung. Viele idyllische Ecken, die ich noch gar nicht kannte, entlang der Sorgue, auch am Campingplatz, so daß man abends je nach Lust und Kreislauf bis zu den Knien oder ganz ins kalte Wasser springen kann.

Alles beim Alten?
Alles beim Alten?

Anders ist es natürlich doch, und hier fällt es stärker auf als zuhause: der Geldautomat an der Post (5,90 Gebühr für Postbankkunden!), der Handymast oben auf dem Berg. Statt mit der zerknitterten Kopie mit handgezeichneten Wanderrouten von Mimi in der Jugendherberge wandern wir natürlich mit GPS. Statt „Pâte sauce tomate“ wie damals in der Jugendherberge gibt es gehobene Womo-Cuisine und auch der Gedanke an das teure, aber von Freund Harry empfohlene Restaurant „Chez Philippe“ ist nicht mehr jenseits von Gut und Böse. Und natürlich schreibe ich nicht mit dem Parker-Füller in mein Ökopapier-Tagebuch, sondern, Notebook auf dem Schoß, dieses Blog. Der Campingplatz atmet jedoch genau die Atmosphäre, die wir uns wünschen: direkt am Fluß, Zikaden in den Bäumen, eine entspannte, unaufdringliche Leitung mit frechem Hündchen und frischen Baguettes am Morgen, schlichte, sehr saubere Sanitäreinrichtungen und das war’s. Die Alternative ist direkt nebenan: ein recht neuer Womo-Stellplatz mit staubigem Parkplatz-Charme, sonntags bis zum Brechen gefüllt und direkt an der Straße – dafür nicht wirklich direkt am Fluß. Danke.

Das war mal der Briefkasten-Ständer der Jugendherberge. Das Fundament habe ich mit gesetzt, man sieht unten noch meinen Namen und das Datum von Herbergsmutter Mimi Nadi eingeritzt.
Das war mal der Briefkasten-Ständer der Jugendherberge. Das Fundament habe ich mit gesetzt, man sieht unten noch meinen Namen und das Datum von Herbergsmutter Mimi eingeritzt.

Bleibt der traurige Moment, wo ich vor der geschlossenen und inzwischen an Privateigentümer verkauften Jugendherberge stehe – schon damals zog es die Zielgruppe eher nach Avignon, und für die Generation Couchsurfing und Airbnb von heute war der schlichte Bau mit seinem Unisex-Waschraum und der Gemeinschaftsküche, wo sich die Jugend der Welt abends zum Philosophieren, Geschichten erzählen und flirten traf, wohl doch etwas zu uncool. Seit fünf Jahren gibt es sie nicht mehr.

Es ist gut.
Dennoch: Alles ist gut.

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