Endlich wieder auf Reisen – auf nach Rumänien

Mit dem Wohnmobil nach Rumänien, Tag 1-3 – Anreise: Köln – Budapest – Timisoara

Motto
Motto

Endlich geht es wieder los. Irgendwie fühlte es sich so an, als wären wir lange nicht mehr „richtig“ verreist, obwohl wir objektiv schon einige Male unterwegs waren dieses Jahr. Allerdings sitzt mir wohl immer noch die praktisch ausgefallene Italien-Reise vom Vorjahr in den Knochen. Husch husch, weg mit den bösen Gedanken!

Bei der Bekanntgabe unseres diesjährigen Reiseziels gab es in der Familie einige verbale Kabbeleien auszustehen: „könnt Ihr nicht mal in ein normales Land fahren?“ – die „normalen“ Länder sind halt alle schon voll im Hochsommer, und wir wollen Sommer und mal ein Land sehen, das wir noch nicht kennen. Jetzt sitze ich um 21 Uhr Ortszeit in Timisoara (Temeswar) draußen im Liegestuhl, die Grillen zirpen, und kann Rückblick auf die Anreise nehmen.

Diesiges Morgenlicht auf dem Haller Camping in Budapest
Diesiges Morgenlicht auf dem Haller Camping in Budapest

Unsere bewährte Methode, abends nach der Arbeit loszufahren, um die Stadt hinter uns zu lassen, war diesmal anstrengend, weil es durchgängig regnete und die Autobahnen Freitagabends natürlich voll waren. Müde schafften wir es bis Aschaffenburg, wo Andreas von 14qm.de 2015 einen Stellplatz am Main empfohlen hatte. Dass grade an dem Wochenende am Mainufer das Afrika-Karibikfestival stattfinden sollte, konnte man ja nicht ahnen! Zwar nicht voll bei dem Regen, aber alles abgeflattert. Wir stellten uns auf den nächsten größeren Parkplatz ab und machten die Verdunkelungsrollos zu. Am nächsten Morgen sahen wir, dass es der leere Parkplatz vor dem Fußballstadion war. Weiter, heute ist Fahrtag! Die A3 war voller Baustellen und recht gut gefüllt, aber es gab keinen einzigen „richtigen“ Stau. Wir wechselten uns brav alle 2 Stunden am Steuer ab und waren um 20 Uhr in Budapest. Spontan entschieden wir uns gegen den vom WOMO-Führer empfohlenen Stellplatz gegenüber dem Flughafen (vermutlich auch nur ein Parkplatz) und steuerten den Campingplatz „Haller Camping“ an – eine gute Entscheidung. Der war zwar völlig überbucht, aber die großartige junge Managerin, die abends bis 24 Uhr noch Anrufe und Reservierungen entgegen nahm und am nächsten Morgen um 8 schon wieder an der Rezeption stand, kann nicht gut „nein“ sagen, so bekamen wir noch einen letzten stromlosen Platz am Rand. Der Platz ist überschaubar in einem Wohngebiet gelegen, und es gab fast nur Zelte und Wohnmobile. Die Zelte stapelten sich bis auf den Spielplatz und neben die Chemiekloentsorgung, die Wohnmobile verteilten sich über den Restplatz. Aber gute Atmosphäre, dieses abendliche Gemurmel in schlechtem Englisch zwischen den Zelten, wenn die Rucksackreiseden sich Geschichten erzählen und Tipps für gute Locations geben …

Morgens hatten wir gleich zwei Probleme auf einmal: Die Pumpe lief mal wieder durch (d.h. wenn die Hähne zu sind, gibt es Überschwemmung), und der Kühlschrank kühlte nicht auf Gas. Toll. Der Kühlschrank war – aus Gründen – wichtiger, also erst mal Pumpensicherung raus und den Gasbrenner checken. Flamme geht an und sieht gesund aus (der Brenner und die Leitung ist ja auch ganz frisch gemacht worden letzten Herbst). Also erst mal wieder auf 12 Volt schalten, an der Tanke einen Sack Eiswürfel holen und weiter. Es gibt zwar einen Dometic-Service in Budapest, aber es ist Sonntag, und wir haben keine Lust, hierzubleiben.

Die restliche Strecke bis Timisoara – gut 300 km – ist trotz leichtem Nieselregen auf einer guten Autobahn schnell erledigt. Ungewohnte Passkontrolle an der Grenze zum Schengen-Beitrittskandidaten Rumänien: kurzer Check, weiterfahren. Die Ungarn interessierten sich überhaupt nicht für uns.

Campingplatz International in Temeswar – etwas unromantischer als nötig
Campingplatz International in Temeswar – etwas unromantischer als nötig

In Timisoara war es immer noch bedeckt und nieselig, so dass das deutschsprechende Personal des Campingplatzes International, der eigentlich ganz hübsch ist, alle Reisemobile auf dem Asphaltparkplatz und nicht den schönen Wiesenplätzen platzierte, damit wir nicht im Schlamm versinken und die Wiese zerstören. Es gibt attraktiveres, aber für einen städtischen Platz OK. Die rund 25 Euro Übernachtungsgebühr dagegen sind überraschend hoch für das Niveau des Platzes. Alles da und sauber inkl. WLAN, Strom, Duschen, nette Leute, aber in sehr einfachem Standard. Dafür von 8-22 besetzte Rezeption und bewachtes Tor, das nur für Gäste aufgeht. Paßt schon. Ganz leise ist es wegen der Bahnlinie und Straßen rundum nicht, aber dafür kommt man in 15 Minuten mit dem Fahrrad ins Zentrum. Unser erster Ausflug geht zum Geldautomaten und in einen kleinen Lebensmittelmarkt, um Obst, Brot und Wasser zu kaufen. Ihr wißt schon, die Pumpe. Als Getränke sind hier Cider in diversen Sorten ganz groß in Mode. Den Rest des Tages ruhen wir uns von der Reise aus und sind früh im Bett.

Montag in Timisoara – erste Eindrücke

Morgens: Blauer Himmel, Sonnenschein – der Kühlschrank macht uns immer noch Sorgen, wir hoffen er kriegt sich wieder ein und wollen das für die nächste Nacht testen. Für die Pumpe dagegen hat Ray sowohl einen Plan B in der Tasche als auch ein glückliches Händchen: ein kleiner Steckerwackler auf der Steuerplatine, klopf-fummel-klick, und es geht wieder. Wir suchen trotzem mal die GPS-Koordinaten des Praktiker-Baumarktes raus.

Also heute Sightseeing in der Stadt und ein bißl einleben in dieses Land. Mit dem Fahrrad geht vergleichsweise gut, es gibt sogar streckenweise markierte Fahrradwege (!), ansonsten empfehle ich Nebenstraßen durch Wohngebiete, nicht die großen Ausfallstraßen. Autofahrer halten an Zebrastreifen, quetschen sich aber manchmal schon recht nah an dir vorbei. Aber als Radfahrerin in Köln ist man ja Kummer gewohnt …

Super Fahrradweg – bis auf einmal …
Super Fahrradweg – bis auf einmal …

Die Fahrt vom Campingplatz zur Innenstadt führt durch gemischt bebaute Viertel – kleinere Plattenbauten, alte Einfamilienhäuschen mit Obstgärten, geradezu dörflich, und dazwischen neue neo-bombast-post-historistische Villenbauten.

Und dann die Innenstadt: Wow! Drei große Plätze reihen sich im Zentrum, verbunden durch Fußgängerzonen. Das erste was mir neben den prächtigen Bauten ins Auge fällt, ist das „Deutsche Staatstheater Temeswar“ und einen autorisierten Applehändler. Man fängt ja immer sofort an, alles in Erfahrungs-Schubladen zu sortieren, auch wenn ich mir Mühe gebe, die Dinge unvoreigenommen auf mich wirken zu lassen. Die Stadt erinnert ein wenig an Lemberg (Lwiw), ist aber kleiner und mit etwas mehr provinziellem Charme. Es ist um die Mittagszeit, die Stadt ist nicht grade leer, aber weit entfernt davon, überfüllt zu sein. Es herrscht ein Klima entspannten Flanierens. Besonderheit: die Massen an Tauben, die noch ganz altmodisch von Alt und Jung gefüttert werden. Die Denkmäler der Altstadt (fast alles steht unter Denkmalschutz) gibt es in drei Zuständen: grandios restauriert, ganz knapp davor, grandios restauriert werden zu müssen, und – komplett verhüllt, weil grade dabei, grandios zu restaurieren. Cafés und Bars sind so ein Drittel voll, nur die Tourist-Information, wo wir uns eigentlich voll mit Material eindecken wollten, macht ein langes Wochenende (morgen ist Maria Himmelfahrt und offenbar hier ein Feiertag). So genieße wir den sonnigen, leicht windigen Tag (nein, keine „Hitzewelle“, nur ein schöner Sommertag). Zu Mittag gönnen wir uns das Rooftop-Restaurant auf dem einzigen vermutlich noch aus sozialisitischen Zeiten stammenden „Casa de Mode“ mit perfektem Blick auf den Piaţa Victoriei (Siegesplatz). Ein klasse Freiluftrestaurant mit italienisch angehauchter Karte, leckeren frischen Obstmixgetränken und zig Sorten (Craft-)bier. Ich bekomme meinen obligatorischen Salat mit Ziegenkäse, verfeinert mit Rote Beete, Ray seine Pizza, dazu ein halber Liter Radler und ein frisch gepresster Obstsaft: 15 Euro. Sicher nicht der billigste Platz am Ort, aber dafür der mit der schönsten Aussicht.

Schön erhaltenes Post-Dingsbums-Gebäude
Schön erhaltenes und genutztes Post-Dingsbums-Gebäude
Blick vom „Rooftop“
Blick vom „Rooftop“
Bierkarte
Bierkarte
Salat Ziegenkäse Walnüsse – und Rote Beete
Salat Ziegenkäse Walnüsse – und Rote Beete

Was hier überall und jederzeit präsent ist, ist die Revolution von 1989 und ihre Opfer. Bei dem Massaker von Armee und Securitate starben wohl rund 150 Menschen – ihrer wird auf Schritt und Tritt gedacht. Ob durch einzelne Tafeln an Häusern und Kirchen, ob durch eine ewige Flamme und Gedenksteine auf einem Friedhof oder durch einen Brunnen, der als Relief nur zahlreiche einzelne Namen darstellt. Das Jahr 1989 wird uns die nächsten Wochen sicher noch öfter begegnen. Mal sehen, was das mit unseren eigenen Erinnerungen an dieses Jahr macht.

Gedenkstätte 1989
Gedenkstätte 1989

OK, zurück zu den praktischen Dingen. Bei Orange versorgen wir uns mit 8 GB mobilem rumänischen Internet für rund 6 Euro, und dann nehmen wir die Fahrräder und machen einen kruden, nur Eingeweihten verständlichen Foto-Abstecher zu einem alten, kurz vor der Sanierung stehenden Betonbau – und danach geht es in den Baumarkt!

Die Ecke von Timisoara, wo der Praktiker liegt (neben einer Gazprom-Tankstelle) ist unfassbar im Umbruch begriffen. Hochbau- und Straßenbaustellen, einiges fertig, riesige Einkaufszentren und Parkplätze, hier und da noch ein Hauch von „lost place“, Gerippe von alten Industrie- oder Lagerbauten, manchmal nur noch ein loser Haufen Betonblöcke. Man hat den Eindruck, daß sie übermorgen schon nicht mehr da sind. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.

Baumarkt macht überall Spaß
Baumarkt macht überall Spaß
Küken ausbrüten gefällig?
Küken ausbrüten gefällig?

Der Praktiker ist ein Praktiker. Was es bei uns nicht so im Baumarkt gibt: Inkubatoren zum Ausbrüten von Küken und die vielen großen Glasflaschen und seltsam gekrümmte Rohre dafür – es ist Obsterntezeit, da gibt es einiges zu „konservieren“, nehme ich mal an. Wir suchen für den Pumpenplan B ein Kabel und einen kleinen Schalter, und aus Gründen noch eine Flasche WD-40 und ein bißl Fett für meine Fahrradkette.

Der Reiseführer empfiehlt noch das Fabrikviertel, das wir nur zum Teil sehen, weil uns so langsam die Luft ausgeht. Hier ist noch einiges zu tun, und auch bei der durch die deutsche GIZ vor ein paar Jahren restaurierten Villa Ştefania fällt schon wieder der Putz ab. Kennen wir ja aus Köln, Bauen im Bestand …

Merkur-Palast – ein Wunder, daß er noch steht …
Synagoge – nur in Ausschnitten und im Abendlich so schön, ansonsten rundum verlassen und zugebrettert.
Synagoge – nur in Ausschnitten und im Abendlich so schön, ansonsten rundum verlassen und zugebrettert.

Wir sind so langsam geschafft von den vielen Eindrücken und machen uns auf zur letzten Station des Tages: den Kaufland. Ja, richtig gelesen. Insgesamt scheint die Stadt fest in der Hand von Italienern zu sein, was Lebensart, Gastronomie etc. betrifft. Aber der Einzelhandel: Neben Praktiker, dm, Deichmann gibt es auf dem Heimweg einen recht großen Kaufland – wir finden neben den bekannten Hausmarken (langweilig) aber trotzdem noch ein paar einheimische Lebensmittel, z.B. Käsesorten. Das original-rumänische rosafarbene Klopapier, das wir auf dem Campingplatz so attraktiv finden, gibt es leider nur in nicht-womokompatiblen Packungsgrößen, da greifen wir dann doch auf die Kaufland-Marke zurück …

Morgen geht’s aufs Land!

 

 

Ein Kommentar

  1. der erste Campingplatz erinnert mich eher an ein Auffanglager auf Lampedusa….
    aber die Bierkarte find ich vielversprechend :-)
    Ich wünsche euch viel Spaß in den komischen Ländern ;-)

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