Römerspuren, Bisons und Baden im Fluss

Mit dem Wohnmobil durch Rumänien, Tag 4-6: Vom Banat nach Siebenbürgen (Transsilvanien) – Retezat-Nationalpark

Timisoara, wo wir nach Rumänien eingestiegen sind, liegt schon wieder Tage und Welten zurück: Pösslchen reist durch den Süden der historischen Region, die sowohl Siebenbürgen als auch Transsilvanien heißt. Muß man erst mal wissen. Wir haben eine Empfehlung des WOMO-Führers aufgegriffen und uns in der Pension Zamolxe in Sarmizegedusa einquartiert. Das ist ein kleines Gehöft mit mehreren Gebäuden, die als Ferienwohnungen dienen, mit einem Parkplatz und einer kleinen Campingwiese. Hier kann man sowohl mit Zelt oder Anhänger als auch mit dem Wohnmobil stehen. Küche, Dusche/Sanitär, Frischwasser, freies WLAN für 30 Lei pro Nacht (ca. 7 Euro), Strom würde 10 Lei extra kosten, brauchen wir aber gar nicht, die Akkus sind immer voll … Hier fühlen wir uns so wohl, daß wir gleich drei Nächte bleiben und die Umgebung mit Tagesausflügen erkunden. Wie so oft, gäbe es in dieser Region für drei Wochen genug zu erwandern und zu erleben … aber wie wollen ja noch mehr vom Land sehen und sind in zwei Wochen in der Ukraine verabredet. 

Zunächst das Wichtigste: Unser Kühlschrank hat sich wieder beruhigt und läuft auch auf Gas einwandfrei. Es schadet nicht, ihn voll zu machen, bevor man sich hier einquartiert, im Dorf gibt es nur einen Minimarkt mit begrenzter Auswahl. Der nächste Supermarkt ist in Hațeg, 14 km entfernt.

Colonia Ulpia Traiana Sarmizegetusa
Vielfotografiertes Stück im Forum Romanum
Colonia Ulpia Traiana Sarmizegetuza
Ein riesiges Gelände, einiges rekonstruiert, inkl. Amphitheater.
Noch nicht ganz reif
Noch nicht ganz reif
Vor dem dörflichen Kultursaal: hier steht man offenbar zur NATO-Mitgliedschaft.
Vor dem dörflichen Kultursaal: hier steht man offenbar zur NATO-Mitgliedschaft.

Der Zweitname des Ortes ist Colonia Ulpia Traiana (wie Xanten) – die Römer waren hier und haben einiges hinterlassen. Wir laufen bei schönem Abendlicht durch und sind beeindruckt. Am nächsten Tag sind wir gleich morgens früh noch mal da und kommen mit der internationalen Archäologentruppe vor Ort ins Gespräch, die uns gleich noch weitere Tipps gibt und uns auf einen Kaffee einlädt.

Leider zieht ein Gewitter auf.
Leider zieht ein Gewitter auf.

Im Anschluss greifen wir einen Tipp unseres Hausherrn auf und machen uns auf den Weg zum Lacul Gura Apelor, einem Stausee, von wo aus man noch weiter „von hinten“ in die Berge des Retezat Nationalparks einsteigen kann. Leider macht uns ein aufziehendes Gewitter einen Strich durch die Rechnung, denn wir hätten prima über den Staudamm und weiter in Richtung der großartigen Bergseen fahren wollen und können – die Strecke ist da oben zwar anstrengend, aber durchaus fahrbar. Aber Gewitter in den Bergen – lieber nicht, solange wir das nicht richtig einschätzen können. Ein andermal.

Straßen in Rumänien
Picobello
Straßen in Rumänien
Bis auf einmal. Aber immer noch gut fahrbar.

Ein Wort zu den Straßen, darauf habt Ihr doch sicher gewartet: we are deeply impressed. Bis jetzt sind nicht nur die Landstraßen erstklassig, sondern sogar die kleinen Straßen, die durch die Dörfer bis in die Berge führen. Irgendwann – tief im Wald oder in den Bergen – wird es natürlich auch mal holprig, und manchmal gibt es in den Dörfern Schlaglöcher, aber an vielen Stellen ist der Straßenbelag beinahe jungfräulich glatt, sogar auf den Neben-Nebenstraßen. Unser Running Gag „die EU war hier“ trifft an vielen Stellen zu, es gibt viele Denkmäler und touristische Objekte, die als EU-Projekte kofinanziert wurden.

Nach der abgebrochenen Gewittertour nutzen wir noch das Abendlicht, um die geheimnisvolle Kirche Sf. Nicolae in Densuș zu besuchen, die mit zahlreichen römischen Fragmenten aufgebaut ist. Innen gibt es Fresken aus dem 15. Jahrhundert. Diese Kirche ist die älteste noch rituell genutzte Kirche in ganz Rumänien, wenn nicht in ganz Südosteuropa.  Leider konnten wir innen nicht fotografieren, aber schon das Äußere war durch seinen Mix an Baumaterialien und Stilelementen spannend.

Eher zufällig – die OSM-Navi leitete uns wieder mal recht originell – streiften wir auf dem Hinweg die alte reformierte Kirche von Peșteana, die, umgeben von Heuschobern und Apfelbäumen, ganz allerliebst im Licht stand. Diese kleinen Dörfer, nördlich der Dn68 gelegen, gäben auch Erkundungsorte für Tage, zum Beispiel gäbe es eine Wiese mit fleischfressenden Pflanzen, die wir leider verpasst haben.

* „Verehrte Bürger – Geben Sie Bettlern kein Geld, dies verlängert deren Aufenthalt auf der Straße. Sag nein zum Betteln“

Heute dann wollten wir es ruhig angehen lassen, bevor wir morgen einen Teil der Transalpina nach Norden bewältigen wollen. Wir parken zunächst in der nächsten Kleinstadt Hațeg, wo es Geldautomaten und einen Carrefour-Supermarkt gibt, und tanken Trinkwasser und frische Lei. Ein eher unspektakulärer Ort mit Plattenbauten, aber einigen netten kleinen Grünanlagen. Einen Katzensprung nordöstlich gibt es ein bekanntes Bisonreservat, das wir uns nicht entgehen lassen – Europäische Bisons bzw. Wisente. Wisent klingt irgendwie wie Wildpark Bad Münstereifel, aber immerhin sind diese Tiere laut Wikipedia „seit der Ausrottung des Auerochsen Europas schwerstes und größtes Landsäugetier und zudem der letzte Vertreter der wildlebenden Rinderarten des europäischen Kontinents“. Noch dazu findet man den Auerochsen im Wappen Rumänien als Symbol für Moldau, das Tier hat also besondere Bedeutung für das Land. Seit den 60ern hat man die Bisons (ein Pärchen aus Polen eingeführt) nachgezüchtet und 2015 sogar einige wieder ausgewildert. Wir sind angemessen beeindruckt beim (sehr nahen) Anblick der mächtigen Tiere.

Dann wenden wir uns nach Süden, um hinter Nucșoara mal zu schauen, wie lange Pösslchen den Weg zum Wasserfall Cârnic (Cascada Cârnic) bewältigt. Der Weg ist binär: die Strecke von Nucșoara ist pfuschneu asphaltiert, babypopoglatt, bis sie auf einmal schlagartig in Schotter übergeht. Dennoch ein guter Schotterweg ohne Schlaglöcher, kein Vergleich zum Weg nach Lacul Gura Apelor hinauf, wo es über weite Strecken einen alten Zementbelag mit Rillen gibt (tok-tok, tok-tok, tok-tok …). Hier auf dem Schotter muß man abends nur mal Pösslchens Innenverkleidungsschrauben nachziehen, aber es läßt sich ansonsten gut fahren.

Überraschenderweise landen wir nicht direkt am Wasserfall, sondern in einer kleinen Siedlung mit Campingmöglichkeit und netter Hüttengastronomie. (Vormerken: das perfekte Basislager für diverse größere Wandertouren im Retezat!) Von dort geht es noch ein paar Meter bis zum Wanderparkplatz, wo höchst detaillierte Infotafeln Verbotenes und Erlaubtes klar aufdröseln. Wir nutzen die Picknickbank für einen kleinen Mittagsimbiss, vertilgen die Reste von Nudelsalat, Risotto und Brombeeren und machen uns die letzten paar hundert Meter auf zum Wasserfall. Befürchtungen, daß wir vor Ort dann 500 Meter in die Tiefe steigen müssen, erfüllen sich nicht, wir landen zunächst oberhalb des Wasserfalls, wo man sich auf riesigen Steinen sonnen kann, kleinen Fröschen in den Pfützen beim Wachsen zusehen – und einfach mal halbnackt in den eiskalten Fluß steigen kann. Das ist eine Art Freiheit, die ich mir für die Reise vorgestellt habe. Für den Wasserfall gibt es weiter unterhalb noch eine kleine Aussichtsplattform, die dann eher unspektakulär ist, so riesig ist der Wasserfall dann auch nicht.

Das Spätnachmittagslicht wird dann gut erholt – es kristallisiert sich ein Muster heraus – zum Fotografieren einer restaurierten Festung genutzt. Früher als gestern sind wir zurück am Basislager in Sarmizegetuza, wo sich inzwischen eine kleine Truppe von drei rumänischen Wohnmobil-Familien eingefunden hat, die mit gemieteten Womos unterwegs ist. Überhaupt sind hier viele rumänische Urlauber, vor allem aus Bukarest und Umgebung, die in die Berge reisen. Italiener, Belgier und Deutsche (wie in Timisoara) haben wir einige Tage keine mehr gesehen. Die westlichen Touris zieht es vielleicht weiter ins Donadelta oder andere bekanntere Gebiete. Oder sie waren alle schon auf dem Rückweg.

 

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Schatzi, das Ding heißt „Defibrillator“ ;-)
    Und wo sind die Bilder von dem Wasserfall mit dem halbnackten Ray?
    Weiterhin viel Spass in dem komischen Land.

  2. Schatzi, ich hatte leckeren rumänischen Weißwein intus gestern, da deflibriert man schon mal! Und du glaubst doch nicht, daß Ray in die kalten Fluten ist, das überläßt er gerne mir … (no photos)

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