Mit dem Wohnmobil in die Bretagne: Start mit dem Klassiker

Ein Wunder ist geschehen: es ist erst Tag 4 unserer Reise, und ich bin bereits tiefenentspannt. Das haben wir vor allem einem guten Tipp von Jo zu verdanken. Aber von Anfang an …

Mit einigen Ängsten starteten wir an Tag 2 von dem völlig überfüllten Wohmobilstellplatz Honfleur Richtung Westen: Sollte es das jetzt gewesen sein mit „Nachsaison“? Ist auch die Bretagne bereits voll mit Womotouristen, Pösslchen und wir mittendrin? (Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau) Nun gut, wir nahmen uns als erstes den nächsten Hotspot vor, im Grunde nur, um ihn mal gesehen zu haben, und um den potentiellen Massenplatz hinter uns zu bringen. Dabei lernten wir als erstes, dass der Mont-Saint-Michel zwar heute knapp in der Normandie liegt, das aber gar nicht so selbstverständlich ist, da die Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne durch den Küstenfluss Couesnon gebildet wird, und der wechselte hier und da schon mal seinen Lauf …

Wie auch immer – wir näherten uns von Avranches der Küste, und plötzlich war er da, einfach so. Wow. Die Küste ist hier so flach, dass der Berg sich wirklich vor dir aus dem Boden erhebt und schon von weitem sichtbar ist.

Der Staudamm an der Mündung des Küstenflusses ist gleichzeitig Aussichtsplattform.
Der Staudamm an der Mündung des Küstenflusses ist gleichzeitig Aussichtsplattform.

Jo kennt den Berg schon bald 30 Jahre lang, campte früher neben dem Damm und trauerte schon 2009 den veränderten Bedingungen nach. Inzwischen ist der Damm ganz weg, und der Steg, der es dem Wasser wieder erlauben soll, den Berg ganz natürlich zu umfluten, ist fertig. Darüber hinaus gibt es jetzt nur noch ganz außerhalb einen riesigen Parkplatz, und der gesamte Bereich im Vorfeld vor dem Steg ist durch eine Schranke abgesperrt, durch den man nur mit einem Code (!) reinkommt, den man bekommt, wenn man in einem der dahinterliegenden Etablissements etwas gebucht hat. Hinter dieser Schranke liegt nun auch der Campingplatz „Camping du Mont-Saint-Michel“, bei dem man also nun nicht einfach vorfährt, sondern vorher anrufen muss.

Keine Fahrräder erlaubt!
Keine Fahrräder erlaubt!

Wir hatten nun die Wahl, nur auf den Parkplatz zu fahren, der einen Abschnitt für Reisemobile bietet – Zitat Website: „Wohnmobile dürfen dort zwar über Nacht geparkt, aber nicht zu Übernachtungszwecken abgestellt werden. Kein Strom- und Frischwasseranschluss vorhanden.“ (ziehe jede/r eigene Schlüsse …) oder einen der etwas entfernteren Wohnmobilstellplätze (Aire de Camping Car) aufzusuchen. Alles nicht aus der Welt auf dem Fahrrad, aber man kennt sich ja noch nicht so gut aus, und wir hatten keine Lust, weiter herumzukurven.

Shuttle-Bus über den Steg
Shuttle-Bus über den Steg

Wir entscheiden uns also für die einfachste Variante, die uns am nächsten an den Berg bringt: den Campingplatz hinter der Schranke. Ein mutiger Anruf, ob noch was frei ist – ja, ist es (phhhuu). Dann hätten wir gerne den Code. Nein, so einfach dann auch nicht: Name + Kreditkartennummer, da könnte je jeder anrufen … Na gut. Mit einem frischen Code landen wir mit Pösslchen in der Siedlung namens La Caserne, die im Wesentlichen aus Hotels und Gastronomie besteht. Und eben dem genannten Camping du Mont Saint Michel, die Rezeption ist dieselbe wie für das davorliegende Hotel Vert.

Näherung an Mont Saint Michel
Das Bild in unserem Kopf …
Näherung an Mont Saint Michel
… verändert sich …
Näherung an Mont Saint Michel
… nicht wirklich …

Der Platz ist mit 20 Euro flat inkl. Strom und Dusche + ein paar Cent Kurtaxe erstaunlich günstig. Hinzu kommt beim Rausfahren aber noch die, ich nenne es mal „Schrankengebühr“ von 6,30 Euro, denn Parkgebühr kann es ja wohl nicht gewesen sein. Im Vergleich zu einem etablierten Platz am Rhein in Remagen zusammen immer noch ein fairer Preis für die direkte Lage am UNESCO-Weltkulturerbe.

Wir installieren uns also auf dem sympathischen, aber recht konventionellen kleinen Platz (kein Blick auf den Berg!) und machen uns nachmittags noch auf den Weg zum Mont. Am Ende der Siedlung gibt es wieder eine Schranke und einen schicken, kostenlosen Shuttlebus (ah, dafür waren die 6,30!), wir machen uns jedoch zu Fuß auf den Weg. Nicht mal Fahrräder sind erlaubt (was der eine oder die andere ignoriert, in der Nebensaison spielt es wohl nicht so die große Rolle)!

Es ist natürlich Ebbe, wie immer wenn wir ans Meer kommen. Ungefähr eine halbe Stunde laufen wir von der Schranke bis über den Steg zum Fuß des Berges, und insgesamt halten sich die Massen an diesem Freitag außerhalb der Ferien in Grenzen, es gibt allerdings viele französische Schülergruppen im Teenageralter, der Besuch scheint irgendwie zum Pflichtprogramm zu gehören, und einige asiatische Gruppen.

Es fällt mir schwer, den Eindruck zu beschreiben. Eine vergleichbare Situation ist es vielleicht, wenn jemand aus Frankreich zum ersten Mal den Kölner Dom vor sich hat: das Bild ist von unzähligen Abbildungen bereits so in den Kopf eingebrannt, dass man selbst fast nichts eigenes sieht außer dem, was man bereits zu kennen meint. Ray meinte, der Berg sähe nun womöglich genau so aus wie auf den Postkarten, und da ist vielleicht auch was dran. Wir laufen also ganz normal die Tourimeile hoch, hier wird es schon recht eng und voll, und dengeln uns gemütlich über einige Seitenpfade wieder runter. Den Aufstieg in die Abtei bzw. auf den höchste Punkt der Architektur sparen wir uns mangels Fernsicht.

Entfernung vom Mont Saint Michel
… und zurück, sogar mit den Postkartenschafen …

Noch ein kleines Erlebnis: Als wir von dem Steg nach La Caserne zurückkommen, lächelt uns das kleine Café „La Digue“ entgegen, wo wir uns ein kleines Kaltgetränk zuführen wollen. Wir warten eine Weile, am Nebentisch wieder deutsche Kreuzfahrttouristen (interessant, scheint Saison zu sein?). Die Bedienung fragt, ob wir die Karte haben wollen, wir fragen erst nach Radler (gibt es nicht), dann wollen wir zwei kleine Fläschchen Orangina bestellen, die wir am Nebentisch sehen. Die Bedienung so: ich sag’s lieber vorher, die kostet 6 Euro. Ich so: eine??? Sie so: ja … Wir so: ok, dann danke und tschüss … Sie: kann ich verstehen. Wie bewerten wir das jetzt? Service fair, Preisniveau jenseits von Gut und Böse. Ich bin ja nicht so der Geizmuckel und wir sind durchaus bereit, mal einen Euro mehr für einen Platz mit schöner Aussicht zu geben, aber das ging nun gar nicht. Im Laden vor dem Camping (durchaus auch ein reiner Touri-Shop) gab’s den halben Liter gekühlte Orangina dann für 2 Euro noch was. Hat auch geschmeckt.

Blaue Stunde am Mont Saint Michel
Grade noch erwischt: Blaue Stunde

Abends haben wir die grandiose Idee, den Berg im Abendlicht zu fotografieren, wenn die Sonne eher seitlich von Westen auf ihn scheint. Dazu wählen wir uns eine Fahrradstrecke aus, die nicht vorne über die Hoppelstrecke durch die Wiesen, sondern „hintenrum“ über Deiche und geteerte Straßen zu einigen landwirtschaftlichen Anwesen führt. Im Grunde eine schöne Idee, wenn wir uns nicht in Entfernung und Zeit massiv verschätzt hätten. Die Sonne ist schneller unten als gedacht, und wir geraten schwitzend in die blaue Stunde. Der Rückweg geht dann „vorneherum“ über die Hoppelstrecke, von wo aus man im Prinzip jetzt warten könnte, bis die Nachtbeleuchtung des Berges beginnt. Allerdings waren wir so durch und vor allem von Mücken zerstochen, dass wir uns das nur sehr kurz gegeben haben, bevor wir ins Pösslchen zurück flüchteten. Merke: Spontaneität ist fein, manchmal wäre ein wenig Info und Planung auch nicht ganz schlecht. Das ganze hätten wir jedenfalls einfacher haben können, wenn wir uns nicht so verbummelt hätten. Allerdings hätten wir eh nichts entscheident Neues zu den geschätzt mindestens 100 Mio. Fotos pro Jahr beitragen können, die sich zu dem Bild in unserem Kopf verdichten. Ein schöner Anblick war es trotzdem.

Beleuchteter Mont Saint Michel von der Aussichtsplattform aus
Die Aussichtsplattform hat ihren Sinn, aber wir müssen ja immer eine fotografische Extrawurst …

Ups, jetzt habe ich gar nicht verraten, warum wir dank Jo schon tiefenentspannt sind. Vielleicht morgen …

 

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