Anreise Richtung Bretagne: Unwetter, Weltkulturerbe und ein Alptraum

Eigentlich sollte es wieder einmal Südfrankreich, die Gegend um Languedoc, werden, aber nach der Hitze und Dürre im Sommer war uns nach etwas frischer Luft und Bewegung, deshalb sind wir kurzfristig auf Bretagne umgeschwenkt. Ja, ich weiß, das ist eigentlich Jos Revier  – wir trauen uns was!

Die jüngst kastrierten Schmitzkaters bleiben mit einer Träne im Knopfloch zuhause, gut versorgt von einem hochengagierten Katzenteam, inkl. Notfalltelefonnummern, Backup-Dosenöffnerinnen und und und … wir vermissen sie jetzt schon. 

Die Anreise, wie immer abends Richtung Huy, gestaltete sich diesmal sehr anstrengend, denn kurz vor Liège überfiel uns gegen 21 Uhr, rund 50 km vor Huy, ein heftiges Gewitter mit Starkregen, wie wir es auf der Straße so noch nicht erlebt hatten. Wir warteten die übelsten Niederschläge auf einem Rastplatz ab und eruierten Plan B. Als es sich etwas beruhigt hatte, wollten wir so spät nicht mehr weiter, und rollten noch 3 km zum nächsten Stellplatz – an der alten Kohlemine von Blegny. Dort soll es 12 Plätze auf dem Parkplatz geben. Belegt war der Platz von deutlich mehr Fahrzeugen, allerdings machen sie bei Sonnenuntergang zu, so dass wir an der benachbarten Sportanlage unsere müden Häupter leicht schräg zur Ruhe betteten. Wir blieben nicht die einzigen. Das Inferno am Himmel, Blitze über dem alten Kohle-Förderturm, war hollywoodreif, leider immer noch im Regen, so dass ihr es ohne Fotobeweis glauben müsst.

Kohlemine von Blegny
Weltkulturerbe No. 1: Kohlemine von Blegny (nicht der Stellplatz)

Heute morgen im Nebel noch ein kurzer Blick auf den Platz: die Anlage ist unser erstes UNESCO-Weltkulturerbe auf der Reise, durch Zufall entdeckt. Wir frühstückten im Ort mit leckerem Pain artisanale, und weiter ging es die knapp 400 km bis Le Havre, dessen Architektur wir uns vom letzten Mal noch aufgespart hatten. Der belgische Teil dieser Anreise zieht sich jedes Mal mehr in die Länge, ab Valenciennes scheint es dann bergab zu gehen.

Le Havre zeigt sich im feinsten Nachmittagslicht, genau das richtige für die fotografische Inaugenscheinnahme der Nachkriegsarchitektur von Auguste Perret. Der hat in Zeiten größter Wohnungsnot (siehe das folgende Foto) zwischen 1945 bis 1954 einen neuen Stadtkern geschaffen, der heute als eins von nur zwei Nachkriegsensemblen ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gezählt wird. Schon Nr. 2 auf der Reise, innerhalb eines Tages!

Le Havre, Winter 1944-45
So sah Le Havre am Kriegsende aus.
Foto: My father (von Arizonaman1), Le Havre hiver 1944-1945, CC BY-SA 1.0

Die Meinungen zwischen Ray und mir gingen etwas auseinander. Während Ray (zumindest nach dem ersten Kaffee) ziemlich angetan von dem auf dem Reißbrett durchgeplanten Stadtkern war, wachte bei mir die Begeisterung erst am Place Oscar Niemeyer auf, wo dieser 1972 mitten in die eckige Planstadt ein typisch niemeyersches, kurviges Kulturzentrum auf mehreren Ebenen reingepflanzt hatte. Das ist ein feiner Kontrast. Ich musste dann auch zugeben, dass die auf mich zunächst recht monoton wirkenden Gebäudestrukturen eine sehr robuste architektonische Basis bilden, um dann mal in die Höhe, in einen anderen Winkel zu gehen, oder eben völlig abgefahren einen Niemeyer reinzusetzen. Hat schon was. Und alles scheint in einem hervorragenden Zustand, was für einen erstaunlich gute Bausubstanz – im Vergleich zu anderen Gebäuden aus dieser Zeit, ich nenne jetzt mal keine Namen –  spricht.

Was aber wirklich sehr spannend war, war die – ebenfalls von Perret – in feinstem Brutalismus ausgeführte Kirche St. Joseph. Ein monumentaler Turm dominiert das Gebäude (Perret hatte es mit Türmen):

Von weitem sichtbar: der dominierende Turm von St. Joseph
Von weitem sichtbar: der dominierende Turm von St. Joseph

Wovon ich keinerlei Vorstellung hatte, war, dass der Turm praktisch die zentrale Kuppel der Kirche ist: d.h. über dem Altar geht es 107 Meter offen in die Höhe! Man nennt das laut Wikipedia wohl „Laternenturm“, hatte ich in der Form auch noch nicht gesehen und war angemessen beeindruckt.

Ohne Schiffe gucken verlässt Ray natürlich keine Hafenstadt, und so drehten wir die Runde über den Hafen, mit Blick auf den Kreuzfahrtpott Costa Pazifica – man bemerkt in der Stadt sehr deutlich, dass die Kreuzfahrttouristen eine relevante Zielgruppe sind, z.B. an den Preisen in der Markthalle – zurück zu Pösslchen, der auf einem knappen Parkplatz auf uns wartete.

Costa Pazifica
Costa Pazifica
MuMa Musée André Malreaux Le Havre
Während der Gatte Schiffe guckt, fotografiert die Frau Kunstmuseen. Voll das Klischee.
Französische Poller und Wohnmobil
Es war nicht ganz leicht mit der Parkplatzsuche – aber die französischen Poller sind ja flexibel.

Ziemlich müde steuerten wir dann die letzten 24 Kilometer nach Honfleur an – den Platz kennen wir ja schon recht gut aus dem Winter und haben ihn als Startpunkt Richtung Bretagne ausgeguckt. Wir rollen also völlig naiv gegen 19 Uhr über die Pont du Normandie in das kleine Hafenstädtchen rein, und prallen erst mal zurück: die 240 Einheiten des Stellplatzes sind bis auf den letzten Platz besetzt, wenn nicht sogar überbelegt. Einzelne Fahrzeuge stehen mitten auf dem Platz, es ist kaum Raum zwischen den Fahrzeugen. Ein Alptraum. Ich dachte, wir wären in der Nachsaison? Wir haben keine Power mehr, jetzt noch über die Dörfer zu gondeln, und beißen in den sauren Apfel, stehen mehr oder weniger mitten auf dem Parkplatz. Ich versuche das morgen mal fotografisch festzuhalten …

Honfleur ist zwar belebt, die Straßencafés rund um das alte Hafenbecken sind geöffnet und man könnte schön noch schön draußen sitzen. Hier riecht es aber wirklich nach Nachsaison. Wie kommen gerne ein andermal wieder, morgen erst mal schnell weg von diesem Platz.

 

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