Die Dunkelheit auf Abstand halten

„Darf ich in diesen Zeiten an Urlaub denken und verreisen?“

Seit einem halben Jahr ist alles anders. Dreißig Jahre Sprachkenntnisse sind nicht mehr fürs Reisen, Zurechtfinden, Feiern und Diskutieren in einem, „meinem“ Land östlich von hier, mitten in Europa, sondern um Geflüchteten beim Ausfüllen von Formularen und bei Schulproblemen helfen zu können. Die ersten Wochen waren wie ein Hamsterrad: tue ich genug? Ich muss mehr tun, die brauchen mich doch! Morgen abend ist noch frei, da kann ich noch … Urlaub? Dafür habe ich jetzt keinen Kopf … bis dann etwas Routine eintrat (schrecklich) und die Erkenntnis, dass es kein Sprint, sondern ein Marathon wird und man seine Kräfte einteilen muss, auch beim Helfen. Eine Erkenntnis von 2021, das uns noch in den Knochen saß, als 2022 über uns hereinbrach. Die Monate ziehen ins Land, man spricht Sätze wie Schweijk: wir treffen uns dann „nach dem Krieg im Kelch“ und heult gleich danach los, weil der melancholische Gag nach hinten losgeht. Man versucht seine Arbeit so gut wie möglich zu tun und regelmäßig mit den Freundinnen hinter der nun noch undurchdringlicheren Grenze zu telefonieren. Und: dann doch auch mal eine längere Erholungspause einzulegen. Jetzt.

„Ihr wollt in diesen Zeiten verreisen?“ – ja. Jetzt erst recht. Das einzige, was aus der Tretmühle, aus dem Lärm der Stadt, der Angst und dem Tod heraushilft, ist am Abend mit dem Liebsten auf einen ruhigen See zu schauen, mit Pösslchen und den Reisekatern kleine Abenteuer zu erleben und hoffentlich etwas Bewegung zu bekommen.

Und deshalb fährt Pösslchen nun soweit westlich, wie man in Frankreich nur kommen kann: Zwei Hops über Huy und Honfleur (gruselig im Sommer) und jetzt stehen wir am Lac de Guerlédan, in der Mitte der Bretagne mit etwas Wald und Grün, das den Augen guttut, und Elke konnte sich nicht verkneifen, am Abend schon ins Wasser zu springen (neues Motto: „wenn du keine Bikinifigur hast, dann geh doch einfach nackt ins Wasser“). Die Kater genießen das Abendprogramm mit den Scharen von Fledermäusen, die rechts und links ihre Achten ziehen, und wir freuen uns auf ein Treffen mit Jo, den es dieses Jahr zeitgleich nach Loctudy drüben an der Südwestküste verschlagen hat. Und auf drei Wochen nur für uns, im Frieden.

Rote Wolkenbänder nach Sonnernuntergang, gespiegelt in einem See mit niedrigem Wasserstand

Aber Vorsicht: Die Orks könnten hinter der nächsten Ecke lauern. „Soll ich den Fahrradträger über Nacht ausgeklappt lassen oder hochmachen?“ – „Hochschieben, falls wir nachts fliehen müssen“. Drückt uns die Daumen, dass wir klein genug sind, um unter ihren Augen durchschlüpfen zu können.

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